Die Biografie der Zukunft

Ogiermann-Zukunft-eine-Biographie„Die Zukunft stammt von den Ufern des Euphrats, sie gelangte über das Forum Romanum und das alte Judäa ins christliche Abendland, ehe sie auf der ganzen Welt heimisch wurde.“ (S. 221) Das berichtet Jan Martin Ogiermann über die Herkunft der „Zukunft“. In seinem Buch „Zukunft. Eine Biografie“ zeichnet er nach, wie Menschen über das dachten, was wir heute „Zukunft“ nennen. Er berichtet über die Wendungen im Zeitverständnis über Jahrtausende hinweg, stößt auf eine Vielzahl damit zusammenhängender Fragen und Konzepte und erlaubt uns so, unser aktuelles Denken über die Zukunft zu hinterfragen.

Diese Biografie der Zukunft ist gut lesbar und allen Interessierten als Einstieg in das Thema sehr ans Herz zu legen. Das bedeutet nicht, dass unzulässig vereinfacht würde. Nach dem Lesen der 229 Seiten hat man viele Ideen, bei welchen Aspekten der Geschichte man selbst tiefer graben will.

Gerade weil Ogiermann versucht, die großen Linien zu zeichnen, treten einige Aspekte der Geschichte der Zukunft klarer hervor. Da wäre einmal die Idee, dass man über die Zukunft eigentlich im Plural reden sollte. Dies wird heute oftmals getan, um auszudrücken, dass es keine schon jetzt bestehende Zukunft gibt, sondern dass man heute über mögliche Zukünfte reden kann und soll. Mit Ogiermann fällt auf, dass schon zu Beginn des Denkens über die Zukunft kein Bedarf bestand, das Bild der Zukunft, dass in Orakel oder Leberschauen gezeichnet wurde, zu vereinheitlichen: Andere Person, andere Stadt, andere Zukunft, kein Problem.

Konzept der Zukunft als Katastrophe

Auch das Konzept der Zukunft als Katastrophe kennen wir in verschiedenen Phasen der Entwicklung. Jahrhundertelang dominierte das nur scheinbar einfache Konzept der Apokalypse den Blick auf die Zukunft. Zukunft war das Vermessen der Zeitspanne, bis dieses Ende der Welt eintritt. Maßstab war das Wort Gottes, das aber zu verschiedenen Interpretationen und Neuberechnungen führte. Auch heute tritt die Apokalypse wieder als entscheidender Aspekte bei der Beschreibung der Zukunft auf. An die Stelle der Bibel ist (unter anderem) die Interpretation der Wissenschaft getreten. Auch die Beschäftigung mit den Sternen, die heute nicht nur TranshumanistInnen für ihre Zukunftsvisionen anstellen, hat Verwandte in früheren Perioden der Beschäftigung mit der Zukunft. Die Bedeutung der Astrologie in der frühen Neuzeit war eine bevorzugte Hilfe, um Kommendes abzuschätzen. Das sind nur drei Aspekte des Umgangs mit der Zukunft, die heute eine Rolle spielen und die selbst eine Geschichte haben. Ebenso interessant ist es zu sehen, welche Formen kaum mehr eine Rolle spielen. Ogiermann erinnert an die Utopien eines Thomas Morus oder eines Francis Bacon, und man fragt sich, wo heute Beschreibungen zukünftiger weltlicher Gesellschaftsformen geschrieben werden. Wir lernen in dem chronologischen Marsch durch die Biografie der Zukunft auch viele Menschen kennen, die darin eine Rolle spielten. Dazu gehört Xenophon, der Organe von Opfertieren untersuchte, Augustinus von Hippo, der Ort und Zeit der christlichen Idee der Apokalypse sortierte, Fortschrittsdenker wie Nicolas de Condorcet und Karl Marx, der Begründer der Futurologie Ossip K. Flechtheim und Robert Jungk.

Von Stefan Wally

Ogiermann, Jan Martin: Zukunft. Eine Biografie. Vom antiken Orakel bis zur künstlichen Intelligenz. Wien: Brandstätter, 2019. 231 S., € 24,- [D, A]

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