Deutschland auf der Couch

Zu einem ähnlichen Befund wie der Politologe Franz Walter kommt der Psychologe und Meinungsforscher Stephan Grünewald, der mit seinem Forschungsinstitut „rheingold“ über 20.000 Tiefeninterviews mit BürgerInnen aller Altersschichten geführt hat. Der Experte diagnostiziert „überdrehten Stillstand“ sowie „lähmenden Tatenstau“ (S. 87). Allen sei alles zuviel, und doch gelinge kein Aus- oder Umstieg. Angstvoll werde am Status quo festgehalten – das gelte für die Erwachsenen nicht weniger für die neuen Jugendlichen, die es als „grob fahrlässig“ ansehen würden, sich mit den Eltern zu verwerfen und damit den Verlust des „Hotel Mama“ zu riskieren. Der Politik fehle der Mut, notwendige Veränderungen (auch Einschränkungen) anzugehen: „Kleinkariertes Aufrechnen und Umrechnen ersetzten richtungsweisende Gestaltung“ (S. 88)

Grünewald plädiert für eine Abkehr von der überbordenden Konsummentalität, für den „Abschied von der Sinninflation“, für den Mut zur Begrenzung. Die Frage, was für den Einzelnen oder die Gesellschaft im Leben wichtig ist oder es lebenswert macht, werde „beinahe zwangsläufig“ an Dringlichkeit gewinnen: „Denn Liebe und Leidenschaft sind nicht beliebig multiplizierbar. Sie brauchen eine begrenzende Ausrichtung“ (S. 216). Statt sich der „umtriebigen Sprunghaftigkeit“ hinzugeben, die „ihre Lebensangst als Flexibilität feiert“, gelte es, klare Lebensentscheidungen zu treffen, den „Lebensalltag“ wieder zu schätzen („Wir wollen zuviel von unserem Leben“, S. 51) und den „Kreislauf der Beliebigkeit und Konsequenzlosigkeit“ (S. 218) zu durchbrechen. Grünewald bemüht dabei den Vergleich der CD, die per Knopfdruck das Herumswitchen zwischen den musikalischen Highlights ermögliche, mit der alten Schallplatte, die das Folgen einer Spurrillne erforderte. Der Psychologe warnt vor den Folgen dieser sich breitmachenden Lähmung und Entertainisierung („zappende Verfügbarkeitsakrobatik“, S. 106); sie bereite den Boden für die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und neuen starken politischen Verführern. H. H.

Grünewald, Stephan: Deutschland auf der Couch. Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft. Frankfurt: Campus, 2006. 234 S. ISBN: 978-3-593-37926-5

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