Der Philosoph und Ökonom Leopold Kohr

Leopold Kohrs Geist entwickelte sich am produktivsten in seinem “Akademischen Wirtshaus” irgendwo zwischen dem walisischen Aberystwyth und dem Geburtsort Oberndorf – etwa unter dem Motto “Heimat in der Fremde – fremd in der Heimat”. Wie er, hellhörig trotz seiner Schwerhörigkeit, aus seiner bürgerlich-anarchistischen Grundhaltung heraus scheinbar chaotisch in Assoziationsketten eigene Erlebnisse, philosophische Aphorismen und aktuelle politische Analysen in Beziehung zueinander und zur Erfahrungswelt der “Gäste” brachte, war unnachahmlich. Dass daraus kein Kaffeehausklatsch von Intellektuellen, sondern sehr oft politische “Runde Tische” und andere kleine, regionale Projekte (ähnlich den “Zukunftswerkstätten “) entstanden, bewegte wahrscheinlich mehr als seine fundierten Publikationen über “das Ende der Großen”. (Seine Hauptwerke sind leider zur Zeit in Deutsch nicht erhältlich!). Gerald Lehners Biographie muss man querlesen, um Kohrs Kunst des Dialogs zu spüren, der nicht nur Freunde aus Alternativenbewegungen, sondern auch Staatsmänner und Wissenschaftler zu überzeugen wusste.

Sie – vor allem E. F. Schumacher – traten den Verharmlosungen seines Prinzips “Klein sein oder nicht sein” hin zu einem “Small is beautiful” entgegen. Sie wehrten sich aus ihrer politischen Ethik heraus gegen eine Vereinnahmung durch konservative Kleinstaaterei und Föderalismus, der “weniger Staat” und einen nationalistisch gefärbten Regionalismus propagiert, wie Lehner in Interviews belegt. Doch auch dem illusionären Internationalismus seiner linken Kollegen bis hin zur aktuellen EU-phorie setzte er seit 1941 ein „Disunion now” entgegen. Die EU-Kritik und die Zusammenarbeit unter den “Alternativen Nobelpreisträgern” verband ihn freundschaftlich mit Robert Jungk, dem er (im Februar ’94) im Tod um 5 Monate voranging.

M. Rei. 

Lehner, Gerald: Die Biographie des Philosophen und Ökonomen Leopold Kohr. Wien: Deuticke, 1994,408 S., DM 45,70/ sFr 43,30/ ÖS 398

 

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