Der Lebensstandard

Vor allem für seine Arbeiten im Bereich der Ökonomie der Entwicklungsländer, in denen stets wirtschaftsethische Themen im Zentrum standen, erhielt Amartya Sen im Jahr 1998 den Nobelpreis. Geht man so wie Sen der Frage nach, was denn das Ziel von wirtschaftlicher Entwicklung sein kann, so stößt man sehr rasch auf das Konzept des „Lebensstandards“. In der Umgangssprache mag dies zwar ein gebräuchlicher – wenngleich auch verwaschener – Begriff sein, eine exakte (und zudem auch noch unbestrittene) Definition existiert bislang aber nicht. Dies ist mehr als ein akademisches Problem, denn mit dem Begriff vom Lebensstandard werden Vorentscheidungen über die Leitlinien der Wirtschafts- und Entwicklungspolitik getroffen.

Sollte etwa allein die materielle Kaufkraft Maßstab des wirtschaftlichen Erfolgs und der wirtschaftlichen Entwicklung sein? Diese Sichtweise kommt dem Bedürfnis nach Quantifizierung wirtschaftlicher und sozialer Sachverhalte entgegen, was auf dieser Basis vergleichsweise leicht zu bewerkstelligen ist. Sie prägt auch einen großen Teil des ökonomischen Mainstreams, der das Konzept des “Nutzens” in den Mittelpunkt stellt. Sen erläutert drei herkömmliche Nutzeninterpretationen des Begriffs „Lebensstandard“, nämlich Nutzen interpretiert als Lustgewinn, als Wunscherfüllung und als Entscheidungsfreiheit. Diesen Interpretationen billigt er aber jeweils nur eine oberflächliche Plausibilität zu, denn Nutzen und Lebensstandard seien „eher Cousins zweiten Grades als Geschwister“ (S.34).

Sen plädiert für einen komplexen Begriff des Lebensstandards, der die individuellen und sozialen Fähigkeiten der Menschen mit einschließt und die individuelle Selbsteinschätzung der Menschen als in diesem Zusammenhang gleichermaßen wichtige Dimension versteht. Darüber hinaus sollten Wirtschaftstheorie und –politik in ihr Konzept vom Lebensstandard die Fähigkeit einschließen, Bedürfnisse im gesellschaftlichen Raum zu äußern und zu verwirklichen. Zum Beispiel geht es bei der Beurteilung der Dimension „Ernährung“ primär nicht um die Versorgung mit Nahrungsmitteln als solche, sondern vor allem um die Lebensweise, die man aufgrund er Versorgung mit Nahrungsmitteln und anderen Gütern führen kann. Auch die Fähigkeit, sich ohne Scham in der Öffentlichkeit zu zeigen, stellt je nach Gesellschaft, in der man lebt, unterschiedliche Anforderungen an verfügbare Güter und Wohlstand. Die gleichen absoluten Versorgungsniveaus und Fähigkeiten können also in einer reichen Gesellschaft relativ mehr Einkommen (und Güter) erfordern als in armen Gesellschaften.

In diesem Band sind die zwei „Tanner-Lectures“ enthalten, die Sen 1986 in Cambridge/USA hielt, zwei Kommentare und eine Erwiderung zu diesen Kommentaren, sowie ein Nachwort des deutschen Herausgebers. Sens Beiträge sind ein bestechendes Beispiel dafür, dass ökonomische Analyse auf höchstem Niveau auch ohne mathematische Formulierungen das Auslangen finden kann; das Buch ist aber dennoch alles andere als eine „leichte Lektüre“. W. Sch

Sen, Amartya K.: Der Lebensstandard. Mit einem Nachwort v.. Otto Kallscheuer. Hamburg: Rotbuch Verl., 2000. 159 S. (Rotbuch Rationen) DM / sFr 28,- / öS 204,-

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