Der kosmopolitische Blick oder: Krieg ist Frieden

Der Kosmopolitismus ist für Ulrich Beck, den kämpferischen Streiter für eine „Zweite Moderne“, zur Signatur eines neuen Zeitalters geworden, „des Zeitalters der reflexiven Moderne, in der sich die nationalstaatlichen Grenzen und Unterscheidungen auflösen und im Sinne einer Politik der Politik neu verhandelt werden“ (S. 8). Deshalb benötigen wir seiner Ansicht nach den kosmopolitischen Blick, um zu erfassen, in welcher gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit wir leben und handeln. Es ist ein alltäglicher, ein histo-risch wacher, ein reflexiver und dialogischer Blick für Ambivalenzen „im Milieu verschwimmender Unterscheidungen und kultureller Widersprüche“ (S. 10). Beck liefert angesichts des Begriffswirrwarrs zunächst klare Definitionen und Unterscheidungen, etwa zwischen Globalisierung und Kosmopolitisierung. Erstere steht für die viel zitierte wirtschaftliche Entwicklung, zweitere hingegen beschreibt die Wirklichkeit selbst, die als multidimensionaler Prozess entschlüsselt werden muss. Neben dem so genannten banalen Kosmopolitismus (die Unterscheidungen von Wir und den Anderen, national und international wird durcheinander gewirbelt) gibt es auch Ansätze eines institutionalisierten Kosmopolitismus, paradoxerweise in Gestalt der Anti-Globalisierungsbewegungen oder des Internationalen Gerichtshofs. Als gebürtiger Münchner symbolisiert für den Autor der Fußballclub „Bayern München“ ein kosmopolitisches Bayern, das es in Bayern offiziell weder geben darf noch geben kann, nur gibt. „Mir san mir und die Anderen die Anderen (oft genug schießt ein Brasilianer die Tore), gilt dort nicht, wo das Bayerische Herz schlägt.“ (S. 21). Natürlich beschäftigt sich Beck in Folge weniger mit Beschreibungen des banalen Kosmopolitismus, sondern vielmehr mit der politischen Realität des postnationalen Krieges. Am Beispiel des Irak-Kriegs macht er deutlich, wie schwer es ist, nach dem Krieg auch den Frieden zu gewinnen, wenn der Krieg das Kainsmal illegaler Legitimität trägt. Auch die Arbeitsteilung zwischen den USA und Europa, Kriegsherr und Friedenstaube, funktioniert seiner Ansicht nach so nicht. Die USA müssten einsehen, „dass auch die überlegenste Militärmacht nichts nützt, wenn sie sich gegen das Weltrecht stellt“. Mit Blick auf Europa entwickelt Beck schließlich in vier Thesen die Konzeption eines kosmopolitischen Kontinents. Zunächst verdient für ihn „nur ein nichtanthropologisches, antiontologisches, radikal offenes, prozedural bestimmtes, also politisch pragmatisches Menschen- und Kulturbild“ das Etikett „europäisch“ (S. 247). Die Diskussion um die Türkei, die man draußen halten will, kritisiert Beck als unakzeptables Freund- Feind-Denken. Eine europäische Zivilgesellschaft entsteht überhaupt erst dann, so Beck, wenn christliche und muslimische, schwarze und weiße Demokraten usw. um die politische Realität Europas ringen“ (S. 250). Der zweite Aspekt in diesem Zusammenhang ist ein Europa, das v. a. nach dem Zweiten Weltkrieg um Versöhnung ringt. Drittens darf Europa nicht mehr national gedacht werden mit den Lesarten des Bundesstaates (Föderalismus) oder des Staatenbundes (Intergouvernementalismus). Schließlich sei ein kosmopolitischer Realismus im Sinne reflektierten Eigeninteresses von Transnationalstaaten zu entwickeln. A. 

 Beck, Ulrich: Der kosmopolitische Blick oder: Krieg ist Frieden. Frankfurt/ M.: Suhrkamp, 2004. 281 S.(Ed. Zweite Moderne) € 14,80 [D], 15,30 [A] sFr 25,90 ISBN 3-518-41608-1

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