Der Jahrtausendmensch

Eine Enzyklopädie

Robert Jungk wird unter anderem (von Mathias Greffrath aus Anlass seines 75. Geburtstags) „ein enzyklopädisches Verhältnis zur Welt“ nachgesagt. Wohl in keinem seiner Bücher wird er diesem Attribut so gerecht wie im „Jahrtausendmensch“ aus dem Jahr 1973. Darin begibt er sich auf die Suche nach Anzeichen hoffnungsvoller Zukunftsentwicklungen und zeigt eindrucksvoll, wie viel konkrete Utopie bereits verwirklicht wird. Heute, 40 Jahre nach Erscheinen der Erstveröffentlichung, sind viele der hoffnungsvollen Projekte längst wieder verschwunden, viele andere aber dazugekommen. Nicht zuletzt ist nach Erscheinen der „Grenzen des Wachstums“ (1972, Folgeband 1992) das Bewusstsein für die Endlichkeit unserer Ressourcen geschärft worden. Es hat sich also seit dieser Zeit viel bewegt im positiven wie im negativen Sinn, die Warnungen, Ermahnungen und Aufrufe von damals sind heute nach wie vor aktuell.

In der vorliegenden Enzyklopädie berichtet Robert Jungk über Protestbewegungen, denen er zum Teil selber angehört, über „kreative“ Außenseiter, über die so genannten „neuen Menschen“, über neue „Produktionsformen, neue Versuche des Zusammenlebens und des Denkens“ (S. 12).

Er sieht sich als Verstärker der kleinen Bewegungen, als Seismograph der Maulwürfe, die die Welt bewegen, „stets auf der Suche nach den kleinen Handlungen vieler, die überraschende Effekte hervorbringen“ (S. 19). Und er bemüht sich nach eigener Aussage darum, Signale, Tendenzen und Versuche ausfindig zu machen, die im Widerspruch zum Bestehenden auf eine andere und bessere Zukunft hindeuten“ (S. 23). Sein optimistisches Fazit lautet: Der Mensch ist nicht am Ende, sondern beginnt erst jetzt, herausgefordert durch tödliche Gefahren, sich voll zu entfalten. Menschen, die an der Gestaltung einer lebenswerten, zukunftsfähigen Gesellschaft beitragen, nannte er „Jahrtausendmenschen“.

 

Plädoyer für Technikfolgenabschätzung

Nicht immer liegt er richtig, etwa wenn es um menschheitsgefährdende Grenzüberschreitung der technischen Entwicklung in den Atombombenexplosionen (von Hiroshima über Bikini bis Eniwetok) geht, glaubt er zuversichtlich, dass das Dogma vom unbefleckten und unausweichlichen technischem Fortschritt dadurch erschüttert wurde. Wäre dem so gewesen, hätten wir uns Tschernobyl, Three Miles Island und nicht zuletzt Fukushima oder wie sie alle heißen mögen, erspart. Am Beispiel des SST-Überschall-Projekts stellt Jungk fest, dass wir nicht alles machen sollen, was wir machen können. Das Engagement gegen die Überschall-Technologie war aller Ehren wert, trotzdem wurde die Concorde gebaut und von 1976 bis 2003 betrieben. Jungks flammendes Plädoyer für „technology assessment“ (Technikfolgenabschätzung) mündet in seinem Vorschlag zur Umdeutung der Technik in eine neue lebensfreundliche Technik (soft technology). „Die Erkundung der Möglichkeiten und Schwierigkeiten ‚sanfter Technik’ verlangt daher unbedingt nach sozialen Experimenten.“ (S. 66) Wie so oft schwingt auch eine gute Portion Utopie mit, wenn Jungk davon träumt, dass es durchaus denkbar sei, dass noch vor der Jahrtausendwende gelbe, braune und schwarze Techniker als Entwicklungshelfer in die Hochburgen der Industrie auf unserer Hälfte der Erdkugel gerufen werden, damit sie ihren einstigen Lehrmeistern zeigen, „wie man ohne Verschwendung und ohne Schaden für Mensch und Umwelt, ohne Hast und ohne Entfremdung das Lebensnotwendige erzeugen kann“ (S. 64).

 

Neue Menschen braucht das Land

Für den engagierten Publizisten ist der Mensch an der Schwelle zum dritten Jahrtausend „zu einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod herausgefordert“ (S. 88). Deshalb bedarf es eines neuen Menschentyps, „der die Krisen der Jahrtausendwende denkend und entscheidend meistern helfen könnte“. Leo Szilard, Chemiker, Physiker, Informationstheoretiker und Biologe, war für Robert Jungk einer, der genau diesen so genannten „Jahrtausendmenschen“ verkörperte. Szilard war Mitbegründer der Ost-West-Pugwash-Konferenzen, veranstaltete improvisierte Debatten mit Betroffenen und hoffte, „dass die gefährdete Menschheit durch die enge Zusammenarbeit der Wissenschaftler über nationale und ideologische Grenzen hinweg gerettet werden könnte“ (S. 94). Zu lesen ist auch von einem Manuskript des Wissenschaftlers John Platt mit dem Titel „Was wir tun müssen“, für den das Besondere der Situation ist, dass nicht etwa nur eine, sondern fast gleichzeitig viele Krisen auf die Generation der Jahrtausendwende eindrängten (vgl. S. 95). Heute nennen wir das „multiple Krisensymptome“ (vgl. ProZukunft 2/2011). Von allen Vorschlägen, schreibt Jungk, die Platt in seinen manifestartigen Studien publizierte, ist der fruchtbarste sein Plädoyer für die Förderung „sozialer Erfindungen“. „Zur Bewältigung der schwierigen Situation, in die die Menschheit geraten ist, müssen neue Konzepte, Ideen, Einfälle nicht nur auf wissenschaftlichem und technischem, sondern vor allem auf gesellschaftlichem Gebiet gefunden werden.“ (S. 135)

 

„Pädagogische Gegenwelten“

Wie man auf neue Ideen kommt, welche Methoden bereits entwickelt wurden, um kreative Prozesse zu forcieren, diesem Thema widmet sich Jungk ausführlich. Die Rede ist von zahlreichen Sozialen Experimenten und Denkfabriken (vgl. S. 121), von Reformschulen, Kinderläden, Projektgruppen, Seminaren, Kolloquien u. v. a. m. Überall dort würden längst „pädagogische ‚Gegenwelten’ zur Tageswirklichkeit geschaffen und erprobt“ (S. 156). Dazu benötigen wir zusätzlich die Erfindung und Entwicklung gerechter und humaner demokratischer Einrichtungen wie Bürgerversammlungen, Bürgerforen oder gar eines Bürgerfernsehens. Es braucht direkte Begegnungsmöglichkeiten (vgl. S. 223), um die Kenntnisse und Urteilsmöglichkeiten um ein Vielfaches zu vergrößern. Zweifellos hätte Jungk seine Freude gehabt mit Facebook, Twitter und Co. Im Vordergrund stehen bei ihm aber neue Werte und Ziele, neue Formen der Zusammenarbeit und des Gemeinschaftsgefühls sowie Brüderlichkeit. Diese humanistische Orientierung, vor 40 Jahren von Robert Jungk gefordert, streben wir heute immer noch sehnsüchtig an: Was wir bräuchten, sind „epochale Weichenstellungen“ und eine ethische Besinnung. Die große Hoffnung liegt heute wie damals in der Wandlung des Menschen, im „Projekt Jedermann“, wie Robert Jungk diese Bewegung nannte. Alfred Auer

 

Jungk, Robert: Der Jahrtausendmensch. Aus den Zukunftswerkstätten unserer Gesellschaft. M. e. Vorw. v. Mathias Greffrath. München: Heyne-Verl., 1993. 375 S.

 

Ein auffallend rotes Cover mit gelber Schrift

Der Jahrtausendmensch in NeuauflageRobert Jungk Italienische AusgabeAus den Zukunftswerkstätten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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