Der Corbyn Effekt

Jeremy Corbyn,  die Labour Party und Großbritannien

Perryman-The-Corbyn-EffectZu Beginn kommt der Journalist Paul Mason zu Wort, derzeit ein wichtiger Vordenker links der Mitte in Großbritannien. Er erklärt die Radikalisierung der Labour Party, die mit der Wahl Jeremy Corbyns zu ihrem Vorsitzenden einen Meilenstein setzte, mit dem Scheitern des Neoliberalismus in Großbritannien. Dieser habe Lohnerhöhungen verhindert und junge Familien durch Ausgaben für Studium oder Wohneigentum in Verschuldung gestürzt.

Besonders interessant ist der Text von Phil Burton-Cartledge, der versucht zu erklären, warum Corbyn mit seinem radikalen Programm populär ist. Er erklärt dies unter Rückgriff auf die jüngere britische Geschichte seit 1979. Grundsätzlich könne die Profitabilität in einer modernen Marktwirtschaft auf zwei Arten gesichert werden: Durch Innovation oder durch Kostensenkung. In den großen sozialen Konflikten unter Margaret Thatcher seien in Großbritannien die Gewerkschaften geschwächt worden, sodass die Rentabilität in den folgenden Jahrzehnten im Wesentlichen durch Kostensenkung erreicht werden konnte. Das aber hatte zur Folge, dass Innovationen ausblieben. Zweitens sei es in dieser Zeit am Weltmarkt zu einer deutlichen Veränderung der gehandelten Waren gekommen. Diese seien heute oftmals nicht materielle Güter wie Autos, sondern Informationen und Wissen, beides häufig in digitaler Form.

Das hatte auch neue Formen der Arbeit zur Folge. An die Stelle der Fabrik und der in Räumen angebotenen Dienstleistungen treten Formen der selbst-organisierten Netzwerke. Wer in diesen Netzwerken arbeitet bzw. arbeiten muss, sammelt neben Fachkenntnissen auch in relevantem Ausmaß Wissen über Kollaboration. In dem Text spricht Burton-Cartledge von „Socialised worker“. Diese Gruppe sei überwiegend jung, besonders von der konservativen Wohnungs- und Bildungspolitik betroffen, und habe die Tendenz, sich politisch zu organisieren. Sie stelle das Rückgrat der Wählerschaft für Labour unter Corbyn dar, so Burton-Cartledge.

Ein Sammelband, der das Phänomen Corbyn verständlicher macht.

Von Stefan Wally

 

The Corbyn Effect. Hrsg. v. Mark Perryman. London: Lawrence and Wishart, 2017. 274 S., € 18,50 [D], 21,99 [A]

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