Das Prinzip Sicherheit

Sicherheit als Grundproblem der menschlichen Gattung ist das Thema dieses Essays; dass trotz der vielen Vorkehrungen restlose Sicherheit eine Illusion bleibt, die zentrale These. Sofsky beleuchtet alle denkbaren Felder von Sicherheit und Risiken: von der emotionalen Bedeutung alltäglicher Unsicherheiten über soziale Gefahren, wirtschaftliche Marktrisiken und staatliche Sicherheitsgarantien bis zu den neuen Kriegsszenarien des global operierenden Terrors. Seine Ausführungen sind pointiert, sie spitzen zu, provozieren und müssen auch Widerspruch hervorrufen. Der Ausgangspunkt: „Katastrophen führen vor Augen, wie unsicher die Fundamente sind, auf denen die Menschen ihre Welt errichtet haben.“

Der Autor entpuppt sich als Geschichtspessimist, wenn er verneint, dass Menschen aus Katastrophen lernen (können). Zu groß sei das „Bollwerk der Normalität“ und Verdrängung („Unheil macht Menschen zuweilen klüger, aber nicht besser. Ein moralischer Fortschritt des Gattungswesens ist nirgends in Sicht“, S.17). Er kritisiert den Alarmismus und die „Kultur der Ängstlichkeit“ in den Wohlstandszonen („Obwohl in den westlichen Ländern die Lebensmittel einer ungewöhnlich strengen Sicherheits- und Qualitätskontrolle unterliegen, sehen sich viele Zeitgenossen kurz vor dem Gifttod“, S. 34) Chronische Katastrophen wie etwa die Klimaerwärmung würden eher unterschätzt, plötzliche Katastrophen wie Erdbeben, Flutwellen oder Atomreaktorunfälle überbewertet.

In einem weiteren Kapitel skizziert Sofsky das Prinzip des Versicherungswesens, das von der Angst der Menschen lebt („die Prämien übersteigen immer die Auszahlungen“) und meint, dass dieses bei den „Sozialkassen“ pervertiert wurde.

Sie sollen den „Normalfall“ finanzieren und wurden so zum „Sanierungsfall“. Der Autor kritisiert die Gewerkschaften als „Interessensverband beschäftigter Fachkräfte“, von denen die Arbeitslosen nichts zu erwarten hätten; er lobt das Prinzip von Wettbewerb und freiem Markt („Egoismus ist dem Wohlstand der Nation oft zuträglicher als verstaatlichte Brüderlichkeit“, S. 69) und er wettert gegen den Staat („Auf dem Markt zirkuliert das Geld, im Staat konzentriert sich die Macht.“, S. 83). „Anspruchsinflation“ und „staatliche Expansion“ könnten, so die provokante These, dessen Ende bedeuten: „Chronische Haushaltsdefizite, Misswirtschaft, explodierende Steuer- und Abgabelasten, Massenarbeitslosigkeit, Versorgungsmentalität und gesellschaftlicher Stillstand“ würden ihm den Garaus machen: „Reparaturen können den Niedergang des Interventionsstaates allenfalls verzögern, aber nicht aufhalten.“ (S. 96) Der Staat verliere so auch seine ursprüngliche Aufgabe, „Hort des Schutzes“ zu sein, sondern werde selbst zur „Quelle der Unsicherheit“.

Düster sind schließlich auch die Zukunftsszenarien des Autors angesichts des neuen global operierenden Terrorismus, der in den totalen Sicherheits- und Überwachungsstaat münden könnte: „Die Spirale des Misstrauens zersetzt die Gesellschaft und ihre Institutionen. … In der Diktatur der Angst nimmt die Unsicherheit von Tag zu Tag zu. Die Zerstörung der Freiheit schafft neuen Schrecken.“ (S.159f).

Sofskys Warnungen mögen vorgeben vor Blauäugigkeit zu schützen, in ihrer apodiktischen Negativität und Abwertung allen Sicherheitsdenkens sprechen sie jedoch – ich vermute ganz bewusst – dem Abbau von sozialen Errungenschaften sowie der Überhöhung des „Wagemuts“ und der „Courage“ das Wort. Die Möglichkeiten politischer Gestaltung von Globalisierung auf transnationaler Ebene, wie sie etwa der Global Marshall Plan formuliert, bleiben dabei außen vor. H. H.

Sofsky, Wolfgang: Das Prinzip Sicherheit. Frankfurt/M.: Fischer, 2005. 172 S.  € 16,90 [D], € 18,10 [A], sFr 30,-

ISBN 3-10-072710-X

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