Das geniale Gedächtnis

das_geniale_gedachtnisDie Auseinandersetzung mit unserem Bewusstsein treibt auch Hannah Monyer und Martin Gessmann um. In ihrem Buch widmen sie sich unserem Gedächtnis. Sie zeigen, wie unser Gedächtnis nicht nur der Archivar unserer Erlebnisse ist, sondern wie es unsere Zukunft mitgestaltet.

Wir werden in dem Buch mit der Frage begrüßt, ob wir ein bestimmtes Phänomen kennen: Manchmal weiß man intuitiv, was zu tun ist, manchmal völlig unerklärlicherweise ist uns klar, was wir heute tun wollen. Und manchmal gehen wir mit Gedanken an ein Problem ins Bett und in der Früh wissen wir die Lösung. „Über ein Problem schlafen“, heißt es im Deutschen. Warum ist das so?
Was passiert hier, welche eigenartige Macht nimmt so geräuschlos Einfluss auf unser Leben? Es sei das Gedächtnis, sagen Monyer und Gessmann. „Es gilt zu verstehen, dass seine Hauptaufgabe in der Lebensplanung besteht und es deshalb wohl kein zweites menschliches Vermögen gibt, das mit derart komplexen und ständig wechselnden Aufgaben zu tun hat. Geht es doch letztendlich darum, wie aus der vielfältigen Vergangenheit des Erlebten heraus die Aussicht auf eine erstrebenswerte Zukunft entsteht.“ (S. 21) Das Gedächtnis sei kein Dienstleister, der passende Erinnerungen zu Vorhaben beisteuert, die wir uns ausdächten. Umgekehrt sei vielmehr davon auszugehen, dass die Organisation der Inhalte im Gedächtnis uns überhaupt erst auf den Weg bringt, Dinge zu wollen – Dinge, von denen wir anschließend annehmen, wir seien ganz spontan und wie von selbst darauf gekommen. „Wenn man so will, malt es das i, auf das wir dann noch den Punkt setzen müssen.“ (S. 27)

Ihr Argument unterstützen die Autorin und der Autor unter anderem mit dem Hinweis auf Erkrankungen. Bei Alzheimer oder Demenz falle das Leben einfach auseinander. Sie widmen sich der Traumforschung und beschreiben die Lerneffekte in den verschiedenen Schlafphasen. Sie meinen, dass unser Gedächtnis in diesen Zeiten Optionen für anstehende Ereignisse durchspielt und durchdenkt. Wichtig ist in dem Buch dabei die Idee, dass wir unser Gedächtnis als Netzwerk verstehen müssen. Es werden von diesen Überlegungen ausgehend einige weiterführende Gedanken abgeleitet.

Wenn das Gedächtnis uns a) im Schlaf viele Entscheidungen vorwegnimmt und b) wie ein Netzwerk organisiert ist: Was bedeutet dies für den Einzelnen? Ist es ein Hinweis, dass unser Verhalten determiniert ist? Nein, so Autorin und Autor. „Denn die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge sind in Netzwerken (…) so komplex und so sehr auf vielschichtige Wechselwirkungen angelegt, dass eine einfache Aussage der Art, wie sie die Entscheidung zwischen Freiheit und Determinismus fordert, unsinnig erscheinen muss.“ (S. 219f.)

Wenn unser Gedächtnis für uns denkt, greift es nur auf individuelle Erfahrungen zurück? Keineswegs, es gebe ein kollektives Gedächtnis einer Kultur, an dem es sich bedient. „Wie kommt es, dass man es mit Ahnungen und Vermutungen so weit bringen kann und die richtige Lösung schon auf der Zunge trägt? … Indem Erinnerungen eingelassen sind in Kontexte, die sie mitprägen, kann man im Umkehrschluss nämlich aus den Kontexten auf die Inhalte schließen.“ (S. 224f.)

Wenn heute immer mehr Wissen extern des Menschen gespeichert werden kann, was bedeutet dies für das Gedächtnis? „Unser Gedächtnis wird entlastet und bekommt mehr Freiraum, den es noch nie zuvor innehatte. Die klassischen Aufgaben der Aufbewahrung werden ausgelagert und von externen Speichersystemen übernommen. Andere Felder der Bewährung stehen nun offen.“ Hier könne nun der lebenspraktische Zug unseres Gedächtnisses deutlicher zum Zug kommen. Wir müssen uns nicht daran erinnern, wie wir von A nach B kommen, wichtig ist vielmehr, was wir tun werden, wenn wir am Ort B angekommen sind. (S. 239)

Bei Amazon kaufenMoyner, Hannah ; Gessmann, Martin: Das geniale Gedächtnis. München: Knaus, 2015. 256 S., € 19,99 [D], 29,60 [A] ; ISBN 978-3-8135-0690-7.

 

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