Das 18. Kamel, Konstruktivismus und die erfundene Welt

Die Geschichte vom 18. Kamel ist – kurz beschrieben – folgende: Siebzehn Kamele sollen nach dem Tod des Vaters unter den drei Söhnen aufgeteilt werden. Einer soll die Hälfte, der zweite ein Drittel und der jüngste ein Neuntel bekommen. Ein des Weges reitender Mullah sieht die Schwierigkeiten der Brüder und macht den Vorschlag, ihnen zur Lösung der Aufgabe eines seiner Kamele zu borgen. Von den nun 18 Kamelen bekommt der älteste neun, der zweite sechs und der jüngste ein Neuntel, also zwei, eines bleibt übrig. Das war das Kamel des Mullahs. Für Heinz von Foerster ist diese Geschichte vergleichbar mit der Wirklichkeit, die man als Krücke verwendet und wegwirft, “wenn man sich über alles andere klar ist”. Foersters Denkansätze zum Konstruktivismus werden von Segal knapp und verständlich dargestellt.

Für den Konstruktivismus (vertreten auch von P. Watzlawick, der auch das Vorwort zu diesem Band verfaßte) gibt es keine Realität ohne einen Beobachter, keine von uns unabhängige objektive Umwelt. Vielmehr erfindet der menschliche Geist selbst diese Welt. Die Erkenntnis, “daß der Beobachter, das beobachtete Phänomen und der Prozeß des Beobachtens selbst eine Ganzheit bilden (…), hat weitreichende Folgen” für unser Verständnis, mit dem wir unsere Wirklichkeit “konstruieren” und “dann darauf reagier(en), als existiere sie unabhängig von” uns.

Fazit: Ursache und Wirkung unseres Handels ist immer durch unsere Konstruktion der Wirklichkeit bedingt. Segal spannt in sieben Kapiteln einen Bogen vom “Mythos der Objektivität” über “Grundfragen der Logik” und “Funktion der Sprache” über den Begriff des „Errechnens in lebendigen und künstlichen Systemen” bis hin zur “Schließung”. Diese bedeutet, daß Anfang und Ende zusammenfallen, etwa wenn der Beobachter selbst zu einem Teil der Welt wird, die er beobachtet. Den Abschluß des Buches bildet ein Interview mit Foerster.

Eine fundierte Darstellung, die an den Leser hohe Anforderungen stellt. Wer dagegen einen amüsanten und leicht lesbaren Zugang zum Gedankengebäude des Konstruktivismus sucht, dem sei P. Watzlawick’s “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?” empfohlen.

Segal, Lynn: Das 18. Kamel oder Die Welt als Erfindung. Zum Konstruktivismus Heinz von Foersters. München (u. a.): Piper, 1988.246 S. DM 39,80/ sfr 33,40 / öS 310,40

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