Denken mit Bedeutung

„Was für Lebewesen sind wir?“ fragt der amerikanische Linguist Noam Chomsky in seinem neuen Buch. Darin werden vier Texte vorgestellt, die dem Leser und der Leserin das Denken Chomskys, genauer gesagt seine Sprachtheorie, näherbringen. Chomsky prägt seit Jahrzehnten den kritischen Diskurs in den USA mit. Seine Stimme hat Gewicht, seine Meinung wiegt schwer in politischen Debatten.

Das vorliegende Buch ist aber vor allem für all jene nützlich, die Chomskys sprachwissenschaftliches Wirken verstehen wollen. Im ersten Text „Was ist Sprache?“ legt der Autor seine Überlegungen in einer aktualisierten Version vor. Der Text ist lesbar, wenn auch nicht einfach. Das Vorwort von Akeel Bilgrami hilft beim Verständnis, wenn man keine sprachwissenschaftliche Vorbildung hat.

Chomskys zentrale These

Was ist nun Chomskys zentrale These? Chomsky beobachtet bei Sprachen, dass es eine Universalgrammatik zu geben scheint. Darunter versteht er große Prinzipien, die den Grammatiken aller Sprachen zugrunde liegen.
Er zeigt dies beispielhaft anhand des Satzes „Instinctively, eagles that fly swim.“ Das Adverb „Instinctevly“ bezieht sich auf das Verb „swim“. „Das Erstaunliche daran ist, dass die Beziehung zwischen den Elementen am Satzanfang, nämlich ‘instinctively’ und ‘can’, und dem fraglichen Verb über eine Distanz hinweg besteht und auf strukturellen Eigenschaften beruht, statt eine der nachbarschaftlichen Nähe zu sein, die lediglich auf den linearen Abstand basiert, letzeres eine wesentlich simplere Rechenoperation, die zudem für die Sprachverarbeitung optimal wäre.“ (S. 50)

Aber die Sprache mache von einer Eigenschaft der minimalen strukturellen Entfernung Gebrauch und verwendet nie die wesentlich einfachere Operation der minimalen linearen Distanz. Die Frage sei, warum das so ist – „und zwar nicht nur im Englischen, sondern in allen Sprachen – über eine weite Palette von Konstruktionen hinweg”. Offensichtlich seien am Erwerb und am Bauplan der Sprache wesentlich tiefer gehende kognitive Eigenschaften beteiligt.

Zwei Schnittstellen

Chomsky zieht zwei Grenzen, genauer gesagt spricht er von Schnittstellen. Diese sind die sensomotorische Schnittstelle für die Externalisierung und die konzeptuell-intentionale für geistige Prozesse. An der geistigen Schnittstelle wirken die tiefer liegenden kognitiven Eigenschaften als Denken. Wenn wir sprechen, ist dies lediglich die sensomotorische Artikulation dieses Denkens. Um klarzumachen, dass dies eine Veränderung der Perspektive bedeutet: Bei der Sprache handelt es sich nicht um Laute mit Bedeutung, sondern um Bedeutung mit Lauten. Dieses externalisierende Sprechen habe dann gar nicht so eine große Wichtigkeit: „Es ist auch der Erwähnung wert, dass von der Externalisierung selten Gebrauch gemacht wird. Der bei weitem größte Teil des Gebrauchs der Sprache wird nie externalisiert. Er ist eine Art von innerem Dialog, und das Wenige, das es zu diesem Thema an Forschung gibt (…) bestätigt das, was die Introspektion – zumindest meine – nahelegt: Das, was das Bewusstsein erreicht, sind verstreute Fragmente. Manchmal erscheinen vollständig geformte Ausdrücke ganz plötzlich intern, zu rasch, um durch die Sprechwerkzeuge artikuliert zu werden oder wohl auch um überhaupt erst Instruktionen an sie zu senden.“ (S. 56)

Sprache wird hier zu einem untergeordneten Prozess, dessen Eigenschaften eine Widerspiegelung des weitgehend oder vollständig unabhängigen kognitiven Systems sind. Chomsky gesteht aber auch ein, was das Problem dieser seiner Sicht ist: Viele dieser internen geistigen Prozesse sind für uns verschlossen und wir haben nur unzureichende Methoden, sie zu erforschen.

Chomskys Thesen sind nicht unumstritten unter Linguisten. Ihre Bedeutung ist aber über das Fach hinaus klar: Wenn unsere Sprechakte auf einer Universalgrammatik basieren, die unser Denken prägt, so ist unser gesellschaftlicher Austausch weniger durch gemeinsame Entwicklung der Kommunikation prägbar. In diesem Fall hängt es stark von (biologisch) vorgegebenen Strukturen des Denkens ab, die nicht zur Diskussion stehen. Das gereicht dem Einzelnen zur Ehre, der Veränderbarkeit der Welt aber zum Nachteil. Stefan Wally

Chomsky, Noam: Was für Lebewesen sind wir. Berlin: Suhrkamp, 2017. 249 S., € 26,00 [D], 26,80 [A] ISBN 978-3-518-58694-5

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