Chaos. Abschied von der Sehnsucht, alles in den Griff zu bekommen.

Die Rhesusaffen stehen nach wie vor im Ruf, geradezu machtbesessen zu sein und sich unablässig mit Statuskämpfen zu beschäftigen. Angeblich hat dieser Kampf aller gegen alle nur eine Funktion: zu gewährleisten, dass die Gene der Stärksten reproduziert werden. Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, dass es bei den Rhesusaffen sanfter zugeht. Ausschlaggebend für ihren Fortpflanzungserfolg ist häufig nicht sosehr der Rang innerhalb der Hierarchie, sondern die Fähigkeit, auf andere einzugehen und sich mit ihnen zu verständigen. Was die Gesellschaft der Rhesusaffen zusammenhält, ist nicht ihre streng hierarchische Organisation, sondern das kreative Chaos, das aus Kooperation und Wettbewerb erwächst.

Die Chaostheorie ist in den letzten Jahrzehnten auf eine Vielzahl von Phänomenen angewendet worden: von Wirbelstürmen und Tintenfischen bis hin zu dem Neuronen-Geflecht des Gehirns und dem Rhythmus des Herzschlags. Allerdings hat man bisher noch kaum versucht, die Erkenntnisse der Chaostheorie für die Analyse gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen zu nutzen.  Dass dabei viel herauskommen kann, demonstrieren die beiden Chaosspezialisten John Briggs und David Peat in ihrem jüngsten Buch. Ihr Fazit: Mit gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen verhält es sich ähnlich wie mit Organismen. Gut funktionieren sie nur dann, wenn sie ein gewisses Maß an Chaos in ihrem Inneren zulassen. Jedes soziale System, das die Kräfte des Chaos gewaltsam auszuschalten versucht, kann nicht mehr flexibel und kreativ auf seine Umwelt reagieren. Es verwandelt sich in ein starres, allein durch Macht und negative Rückkoppelungsschleifen aufrechterhaltenes Gebilde. Doch selbst gegen einen solchen Apparat kann das Individuum durchaus einiges ausrichten, wenn es versteht, an der richtigen Stelle und zum richtigen Zeitpunkt in ihn einzugreifen.

John Briggs und David Peat könnten zwar das, was sie zu sagen haben, noch präziser ausdrücken, wenn sie von den Errungenschaften der modernen Sozialwissenschaften systematisch Gebrauch machen würden. Aber sie haben einen erhellenden Essay geschrieben, der vor allem eines verdeutlicht: Ohne Chaos geschähe nichts Neues unter der Sonne. F. U.

Briggs, John; Peat, David: Chaos. Abschied von der Sehnsucht, alles in den Griff zu bekommen. München: Knaur, 2000. 208 S., DM 44,- / sFr 40,80 / öS 320,-

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