Bürokratieüberfluss

Im Stil und in der Herangehensweise unterscheidet sich Hans Magnus Enzensberger deutlich von vergleichbaren Publikationen von Etzioni und Habermas. Enzensberger hat mit „Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas“ eine Streitschrift gegen den Zustand der europäischen Integration geschrieben. Enzensberger scheint genervt. Weder treibt ihn die Frage an, wie die Europäische Union als Baustein für eine demokratische Weltordnung genutzt werden kann (Habermas). Noch stellt er sich die Frage, ob die europäische Integration ohne Gemeinschaftsgefühl der Bürgerinnen und Bürger überhaupt funktionieren kann (Etzioni). Enzensberger ärgert sich über Bürokratie, Abgehobenheit und Regulierungswahn. Dabei erfährt der Leser, dass Enzensberger durch die EU-Vorschriften zur diskreten Verpackung von Zigaretten an „Zeiten des Absolutismus“ erinnert wird (S. 15). Einzig vor der Kultur mache die unermüdliche Einmischung der EU in unser Alltagsleben halt, weil die EU mit ihr „noch nie viel am Hut gehabt“ habe (S. 21). Die Institutionen der EU zeichnen sich durch die besondere Abgehobenheit ihre Mitarbeiter aus. „Diese Abgehobenheit ist kein Fehler, sie ist sogar erwünscht; denn nur so kann überzeugend dargetan werden, daß man unparteiisch vorgeht.“ (S. 35). Auch die Wirtschaftskrise sei durch das Vorantreiben der wirtschaftlichen Integration in Europa verschärft worden. Erst diese „Geschichtsblindheit“ (S. 43) habe mit der Währungsunion und dem Brechen der eigenen EU-Verträge zur Verschuldung die aktuelle Situation heraufbeschworen. „Der Geister, die sie rief, kann die Union nicht mehr Herr werden. Instrumente, wie sie seit eh und je bei einer Insolvenz gebräuchlich waren, […] können nicht einmal ernsthaft erwogen werden, weil sie die Märkte `beunruhigen´ und den deutschen, britischen französischen und belgischen Gläubigerbanken schaden könnten.“ (S. 48)

Enzensberger zitiert Hannah Arendt. Sie sprach 1975 vom „Druck einer sich abzeichnenden Veränderung aller Staatsformen, die sich zu Bürokratien entwickeln, das heißt, zu einer Herrschaft weder von Gesetzen noch Menschen, sondern von anonymen Büros oder Computern, deren völlig entpersönlichte Übermacht für die Freiheit und für jenes Minimum an Zivilität, ohne das ein gemeinschaftliches Leben nicht vorstellbar ist, bedrohlicher sein mag als die empörendste Willkür von Tyranneien in der Vergangenheit.“ (S. 60) Stefan Wally

 

Enzensberger, Hans Magnus: Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas. Berlin: Suhrkamp, 2011. 68 S. € 7,00 [D], 7,20 [A], sFr 12,25; ISBN 978-3-518-06172-5

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