Bürger, ohne Arbeit

„Arbeit“, als kulturelles Phänomen verstanden, prägt unser Selbstverständnis, ist Voraussetzung intakten Selbstwertgefühls und sozialer Anerkennung. Daher ist es nicht überraschend, dass auch heute, da das Ende der Arbeitsgesellschaft sich immer klarer abzeichnet, „die Einheit von Arbeit und Leben, von Sein und Tun für jede und jeden die Forderung der Gegenwart“ bleibt, (S. 19), der sich alle politische Kräfte (auch wider besseres Wissen?) verschrieben haben.

Bedürfte es aber nicht, so fragt Wolfgang Engler, Professor für Kultursoziologie und Ästhetik an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Bloch“ in Berlin, einer grundlegend anderen Sicht auf die Selbstbestimmung des Menschen in einer Zeit, in der wir „den Horizont der Arbeitsgesellschaft überschreiten oder schon überschritten haben“ (S. 22). Denn „nur für eine vergleichsweise kurze Zeit bedeutete ‚Arbeit’ in einem kleinen Teil der Welt sichere, auskömmliche Beschäftigung, die annähernd jeder und jedem ein eigenständiges Leben ermöglichte“. Gemessen an diesem „exklusiven Maßstab von Arbeit“, so Engler weiter, „wird Arbeit rar und kostbar, wie Wasser in der Wüste“ (S. 24). Die Auffassung der Antike, wonach Freiheit von Arbeit als Bedingung der Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen galt, verweist indes darauf, dass Arbeit nicht als Ding an sich, sondern als kulturelles Phänomen verstanden werden muss, das unter den Bedingungen der Globalisierung neu zu verhandeln ist.

Ausgehend von einer detail- und kenntnisreichen Analyse der Positionen maßgeblicher Theoretiker wie Marx, Arendt und Gorz u. a. m. plädiert Engler für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das allen als Bürgerrecht zuzuerkennen sei. Zumindest dreierlei wäre so gewährleistet: Das sinnvoll Tätigsein nach jeweils eigenen Talenten und Fähigkeiten (Freiheit in der Arbeit), Arbeit in Selbstbestimmung (Freiheit der Arbeit) bis hin zur freien Entscheidung, keine (zusätzliche bezahlte) Tätigkeit zu verrichten (Freiheit von Arbeit). „Kann ein Leben glücken, das sich nicht selbst am Leben hält?“ (S. 87), fragt Engler, und bejaht dies unter der Bedingung gesamtgesellschaftlicher Subsistenz.

Um ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle auch praktisch zu ermöglichen, diskutiert Engler zum einen das Modell der „negativen Einkommensteuer“ (exemplarisch auf der Basis eines Nettobetrags von 400 Euro monatlich) sowie eine „Sozialdividende“ in gleicher Höhe, die er bevorzugt, da alle BezieherInnen „ihr gemeinsames Fundament als gleich berechtigte und gleich bedürftige Individuen anschaulich erfahren“ (S. 126), ohne auf Einzelheiten der an anderer Stelle schon mehrfach bewiesenen Umsetzbarkeit einzugehen. Man mag dies bedauern, wird aber auch positiv zur Kenntnis nehmen, dass es bei dem Versuch einer „radikalen Neugestaltung der Gesellschaft“ nicht um die Umverteilung von grundsätzlich verfügbaren Finanzmitteln geht. Engler liegt vielmehr an der Auslotung elementarer Problemlagen und möglicher Alternativen: „Die kapitalistische Industriegesellschaft“, so stellt er fest, „benötigte mehr als ein Säkulum, um den Arbeiter zum Bürger zu emanzipieren; wieviel Zeit muss vergehen, um den nächsten Schritt zu wagen, die Emanzipation des Bürgers vom Arbeiter?“ (S. 141) Dass „die Emanzipation des Bürgers vom Arbeiter“ unter den Bedingungen der postfordistisch globalisierten Produktionsverhältnisse mit herkömmlichen Reformvorschlägen nicht zu haben und von den derzeit politisch dominierenden wertkonservativen Kräften ernsthaft nicht zu erwarten ist, steht für Engler außer Zweifel. Die (zuweilen etwas zu ausführlichen) Reflexionen über ‚gestohlene Reformen’ oder die ‚Entstaatlichung des Staates’ münden in einer konsequenten und überzeugenden Kritik des (Turbo-)Kapitalismus. Indem dieser das „Arbeitsvermögen als eine Ware wie jede andere begriff (und begreift), führt(e) er an den Rand der Selbstzerstörung“ (vgl. S. 360). Ist es, so mag man mit Engler fragen, denn vermessen, in Anbetracht dieser Befunde eine radikal andere Politik zu imaginieren und zugleich deren Adressat zu benennen? Im Blick auf die EU sei abschließend eine gleichermaßen provokante wie richtungweisende Frage zitiert: „Was, außer Pflichtvergessenheit, könnte die Verantwortlichen daran hindern, einen (…) Pakt zur sozialen Sicherheit des Kontinents zu schließen?“ (S. 326). Die Vision eines bedingungslosen Grundeinkommens ist ein konkreter und diskussionswürdiger Traum zur Umgestaltung, ja vielleicht auch zur Überwindung des Kapitalismus mit dem Ziel „der Vereidigung der Wirtschaft auf die Bedürfnisse des Lebens“ (S. 361). Diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, dazu leistet dieser Band wesentliche Impulse. W. Sp.

Engler, Wolfgang: Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft. Berlin: Aufbau-Verl., 2005. 416 S. € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 34,80  ISBN 3-351-02590-4

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