Biokapital

Wir stehen heute am Beginn einer „ökologischen Ökonomie“, meint der Biologe, Philosoph und Autor Andreas Weber, die wieder verbindet, was der Mensch getrennt hat. Langsam reife die Erkenntnis, dass der Kapitalismus unseren Wohlstand nicht garantiert. Der Autor entwickelt deshalb das Konzept einer neuen humanistischen und ökologischen Ökonomie und Perspektiven seiner Umsetzung, die die Zerstörung unserer Umwelt und unserer Lebensgrundlagen umkehrt, zu einem anderen Miteinander und zu mehr Lebensqualität führt.

Zunächst werden die unserem Wirtschaftssystem zugrunde liegenden Denkmodelle und Grundannahmen dargestellt, die das Handeln von Politik und Ökonomie bestimmen. Dann stellt der Autor eine andere „Rechnung“ auf, die die tatsächlichen Kosten und Folgen unseres momentanen Wirtschaftssystems aufzeigt. Die Idee, dass sinnvolles ökonomisches Bilanzieren den Umgang mit den natürlichen Ressourcen berücksichtigen soll, ökonomische mit ökologischen Prozessen eng zusammenhängen, die alleinige Bewertung des Bruttosozialproduktes kein sinnvoller Indikator mehr ist für mittel- bis langfristig Entwicklung, ist aber keineswegs neu.

 

„Zehn Gebote“ Neu

In „Zehn Gebote für eine humanistische Wirtschaft und ihre Umsetzung“ erfahren wir, dass wir eine neue Wirtschaftsformel benötigen , in der die „unsichtbare Hand“ zugunsten einer humanistischen Wirtschaft wirkt. Als Gebote gelten die größtmögliche Autonomie aller Beteiligten, ein der Subsidiarität der Natur nachempfundenes Rückkopplungssystem, die Vergabe lebensfreundlicher Subventionen, klare Grenzen für das Leben schädigende Aktivitäten, Autonomie und Verwaltung in Kleinregionen, Entmischung von Kapital und Politik, Besteuerung von Praktiken, die der lebendigen Freiheit schaden, Realdeckung der Geldmenge und die Einrichtung von Zukunftsräten als fester Bestandteil demokratischer Entscheidungen.

Neben diesen durchaus konkreten Vorstellungen kommen beim Autor immer wieder das Empfinden von Glücksmomenten, das Gefühl der Heimkehr und überhöhte romantische Naturbetrachtungen zum Vorschein. Insgesamt bleibt sein Idealbild einer humanistischen Wirtschaft über weite Strecken zu allgemein, bietet aber andererseits kaum Fläche für Kritik und Auseinandersetzung. Es ist wohl eines der Bücher, die man glaubt, schon einmal in der Hand gehabt zu haben. Nichts als Ideale, Schwärmerei und Naturverherrlichung. Wer will andererseits der Aussage widersprechen, dass nicht Askese und Verzicht angesagt sei, sondern wahre Menschlichkeit. Andererseits ist der Autor durchaus für Beschränkungen zu haben. Die Ethik der Freiheit ist seinem Verständnis nach nicht beliebig. „Die Freiheit muss sich begrenzen, sonst wird sie Despotie“ (S. 202) Vor diesem Hintergrund wäre es seiner Ansicht nach ein Leichtes, auf der Basis unseres postindustriellen humanistischen Menschenbilds etwa die Werbung, Computerspiele, in denen der Tod geübt wird und seine Externalisierung und Banalisierung stattfinden, abzuschaffen (vgl. S. 202). Darüber zu entscheiden wäre, so der Vorschlag des Autors, jeweils im Einzelfall einem „Ältestenrat“ vorbehalten. Die von Weber entwickelte „Politik des Lebens“ bleibt ein Modell, das er selbst eher für die Zeit nach den Umbrüchen und Krisen für realisierbar hält, um auf der anderen Seite für das Gegenteil des Utopischen – die Anti-Utopie – zu plädieren. „Wir benötigen einen Realismus der Beschränktheit.“ (S. 210) Wir sollten, auch dem ist zuzustimmen, unsere Anstrengungen auf den heutigen Tag richten, auf das Leben, wie es ist, aufgespannt „zwischen der Misere und dem Licht“ (Camus), frei, aber zerbrechlich. (vgl. S. 202)

Grundsätzlich ist die Idee einer Politik des Lebens, die mit der Natur wirtschaftet und nicht gegen sie, natürlich zuzustimmen. Aber Gesundheit, seelische Zufriedenheit und eine gerechte, zukunftsorientierte Wirtschaft sind nicht nur wünschenswert, sondern konkret zu gestalten. A. A.

Weber, Andreas: Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit. Berlin: Berlin-Verl.,  2008. 240 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 35,90

ISBN 978-3-8270-0792-6

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