Arbeitslosigkeit und Resignation in der Wirtschaftskrise

Trotz durchschnittlicher Arbeitslosenraten von 5 bis 10%, deutlich höheren Werten in europäischen Krisenregionen und schlechten Aussichten auf eine durchgreifende Besserung sind die politischen Verhältnisse rundum stabil. Weshalb protestieren die Betroffenen nicht? Woran könnte sich ihr Unmut an breiter Front entfachen, und woher stammt die weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Ausgegrenzten?

Der Autor ist diesen Fragen nachgegangen und kommt zu interessanten, teils überraschenden Ergebnissen. Er weist nach, daß gesteigerte Erwartungen an Staat und Gesellschaft eher in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität gestellt werden, während man sich in Krisenzeiten damit genügt, das Erreichte abzusichern. Da aber ein erfolgreicher Protest auf die Unterstützung breiter Bevölkerungskreise angewiesen ist, die Anliegen der Erwerbslosen aber als Gefährdung des eigenen Arbeitsplatzes empfunden werden, bleibt der Ruf nach Solidarität (vorerst?) ungehört.

Selbst die Gewerkschaften sind als Inhaber eines legitimen Protestmonopols nicht Verbündete der Erwerbslosen. “Sie verhindern den Protest, weil sie ihn überflüssig machen; und sie halten ihn fast durchwegs für überflüssig, weil er sich ja eigentlich auch gegen sie selbst richten muß, die sie ja immer schon in die wirtschaftlichen und sozialen Entscheidungen eingebunden sind.” Die Segmentierung des Arbeitsmarktes – welchen stellenlose Lehrer (be-)kümmern schon die Sorgen eines entlassenen Hilfsarbeiters -, die Auflösung eines von kultureller Identität geprägten Klassenbewußtseins und nicht zuletzt die Verdrängung der persönlichen Gefährdung sorgen für eine stabile Konstellation. Zwar sinkt das Vertrauen in die Versprechungen der Politik, doch weiß man zunehmend auch um die Komplexität wirtschaftlicher Zusammenhänge. Sie gelten als undurchschaubar und werden deshalb oft schicksalhaft angenommen.

Da selbst griffige Slogans – welcher Richtung auch immer – meist mißtrauisch und im besten Fall zögerlich angenommen werden, herrscht derzeit eine stabilisierende Alternativlosigkeit vor. Schließlich sind es die Errungenschaften des Wohlfahrtsstaates selbst, die aktive Solidarität mehr hindern denn fördern. Da Arbeitslosigkeit nicht Verelendung bedeutet, wird ihre soziale und psychische Dimension für den einzelnen nicht faßbar. Und eben deshalb besteht auch kein Grund, geschlossen dagegen aufzutreten.

Wenn es auch zutrifft, daß die Chancen für einen Arbeitslosenprotest auf breiter Front derzeit nicht allzu hoch sind, so gilt es doch in einer Zeit “entschlossener Zufriedenheit” die unmenschliche Praxis der Ausgrenzung zu überdenken. Mögen die Ursachen der Verdrängung auch noch so verständlich und nachvollziehbar sein, so sind sie doch ebenso kurzsichtig wie verhängnisvoll: Nur wenig trennt die “gesicherte Mehrheit” von dem Schicksal der Ausgeschlossenen, von denen man nicht selten behauptet, daß sie in der sozialstaatlichen “Hängematte” sorglos baumeln. Daß derartige Metaphern verallgemeinernd, ja zynisch, selbst Ausdruck der Verdrängung sind, macht Prisching auf allgemein verständliche Weise klar. Alles in allem: Es herrscht Ruhe im Land, aber es ist ihr nicht zu trauen.

Prisching, Manfred: Arbeitslosenprotest und Resignation in der Wirtschaftskrise. Frankfurt/Main (u. a.): Campus, 1988. 208 S. (Campus Forschung; Bd. 551) DM 39,- / sfr 33,- / öS 304,20

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