Angst ums Abendland

Muslime Islamfeinde und Angst ums Abendland bei Daniel BaxPegida-Demonstrationen in Deutschland sowie Diskussionen und Verbote von Kopftüchern in ganz Europa weisen die Richtung – die Angst geht um vor dem Islam. Und jetzt noch viele hunderttausende islamische Flüchtlinge auf den Bahnhöfen europäischer Großstädte. Seit der Massenfluchtbewegung im Herbst 2015 erlebt beispielsweise die rechtspopulistische AfD einen besorgniserregenden Höhenflug: Bei den anstehehenden Landtagswahlen wird ein Wähleranteil von bis zu 15 Prozent erwartet (ZEITonline, 26.1.2016).

In seinem kenntnisreichen Buch beschäftigt sich Daniel Bax, Redakteur der taz, u. a. mit dem Siegeszug der Rechtspopulisten, deren kleinster gemeinsamer Nenner das Feindbild Islam sei. Der Journalist porträtiert die Vertreter dieses Rechtspopulismus neuen Typs, wie ihn etwa der Niederländer Geert Wilders verkörpert. Dieser beruft sich ausdrücklich auf westliche und liberale Werte und schwingt sich zu deren entschiedenstem Verteidiger auf. (vgl. S. 96) Mit ihrer antimuslimischen Agitation haben Europas Rechtsparteien inzwischen beachtliche Erfolge erzielt. Das Minarett-Verbot in der Schweiz, der Einwand gegen ausländische Finanzierung islamischer Glaubensgemeinschaften in Österreich und das verschärfte Ausländerrecht in Dänemark sind nur drei politisch motivierte Reaktionen auf diese anhaltende Tendenz. Der Autor weist demnach völlig zurecht darauf hin, dass Angst- und Hassparolen rechtspopulistischer Parteien immer mehr auf die politischen Leitlinie der demokratisch legitimierten Mehrheiten vieler Parteien innerhalb der EU abgefärbt haben (vgl. S. 115).

Ein ganzes Kapitel widmet Bax prominenten „IslamkritikerInnen“, die aus muslimischen Ländern stammen. PublizistInnen wie Ayaan Hirsi Ali oder Hamed Abdel-Samad (siehe PZ 1/2015) malen „das Unrecht, das ihnen persönlich einmal widerfahren ist, in den schillerndsten Farben aus und verbinden es mit eindringlichen Schilderungen vergleichbarer Fälle, mit haltlosen Verallgemeinerungen und fragwürdigen Belegen zu einer grundsätzlichen Abrechnung mit ihren Herkunftskulturen und ihrer Herkunftsreligion, dem Islam“ (S. 120f.).

Historisch holt Bax weit aus und beschäftigt sich mit der Herkunft des Begriffs „Abendland“ ebenso wie mit den Gründen für seine neuerliche Konjunktur. Angesichts der anhaltenden Flüchtlingsströme rät er zu Gelassenheit, denn Europa sei auf Einwanderung angewiesen, „wenn es seinen Wohlstand halten und eine Zukunft haben will“ (S. 261). Zudem fordert er die liberalen Gesellschaften Europas auf, mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen an den Tag zu legen. „Die gegenwärtige Politik der Abschottung nach innen und außen und die Abwehr selbst von Flüchtlingen in größter Not sind panisch und schäbig.“ (S. 261)

Allerdings sind, so der Autor, bestimmte Errungenschaften westlicher Gesellschaften nicht verhandelbar: „die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, die Meinungs- und Gewissensfreiheit, der Verzicht auf Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung“ (S. 251). Zu Recht betont Bax, dass eine immer vielfältigere Gesellschaft verbindliche Spielregeln braucht. „Vor allem aber muss die Gesellschaft mehr tun, um allen gleiche Chancen zu bieten. Scheitern in der Schule, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten haben nichts mit der Religion von Einwanderern zu tun, sondern manchmal auch mit Diskriminierung.“ (S. 258)

Schließlich befasst sich der Journalist mit der Frage, wie der  „Kulturkampf“ weitergeht. Seiner Ansicht nach sollte man sich davor hüten, Muslime unter Generalverdacht zu stellen, genauso wenig, wie man alle Amerikaner für die Kriege ihrer Regierung verantwortlich machen könne. Er versteht aber die Ängste der Menschen, die auf komplizierte Fragen eindeutige und klare Antworten erwarten. Kulturelle und religiöse Vielfalt macht eben vielen Angst. Damit ein friedliches Miteinander möglich wird, seien gleiche Gesetze und Regeln für alle notwendig. „Menschenrechte und Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die europäische Union bilden einen guten Rahmen, in dem sich diese Vielfalt entfalten kann.“ (S. 262)

Bei Amazon kaufenBax, Daniel: Angst ums Abendland. Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten. Frankfurt/M.: Westend-Verl., 2015. 288 S., € 17,99 [D], 18,50 [A] ; ISBN 978-3-86489-099-4

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