„älter – bunter – weniger“

Nach ausführlicher Erörterung der sozialpolitischen Auswirkungen des demografischen Wandels gilt nun das Augenmerk vor allem dem Wechselverhältnis von Kultur und Demografie. Zu diesem Thema hat die Stiftung Niedersachsen eine Tagung veranstaltet, deren Vorträge im vorliegenden Band dokumentiert sind.

Aus der Beschäftigung mit Alterung, Schrumpfung, Zuwanderung, interner Migration und Konzentration in städtischen Ballungsräumen ergeben sich für die Kulturpolitik nicht nur neue Probleme, sondern auch Impulse und Anregungen. Martin Roth und Ulrike Richter (beide von der staatlichen Kunstsammlung Dresden) verlangen in Anbetracht des postulierten „Endes der Arbeit“ (Alain Touraine, 2000) von der Kultur, „zusätzlich Identitäten zu stiften, die bisher von anderen gesellschaftlichen Bereichen abgedeckt waren“ (S. 13). Sie erwarten von Kultur in Anbetracht der prognostizierten Wandlungsprozesse, dass sie zwischen biografiebedingten Ängsten und Zwängen und den gesellschaftlich vorgegebenen Lebensläufen vermittelt und ausgleicht. Kultur ist für beide ein verbindendes Identitätselement, egal in welcher Lebensphase. Sie könnte etwa die Aufgabe übernehmen, dem Alter Würde und Zuversicht zu verleihen und den Diskurs zwischen den Generationen fördern (Hermann Glaser plädiert überhaupt für eine Aufhebung der Aufteilung in verschiedene Alter, zit. nach Roth/Richter). Museen könnten etwa als „Folie“ dienen, um Wertmaßstäbe und Kriterien gelingenden Miteinanders zu reflektieren und zu dsikutieren. „In einer globalisierten Welt kann, ja: muss die Kultur internationale Kooperationen mit Museen aus anderen Kulturkreisen eingehen.“ (S. 28)

Interessant in diesem Zusammenhang ist insbesondere der Blick auf „Ergebnisse aus Nordrhein-Westfalen“, die Christian Meyer vom Institut für Bauwesen präsentiert. Zum einen signalisiert die in Angriff genommene Regionalisierung der Kulturpolitik einen wichtigen Schritt, um dem demografischen Wandel in NRW konstruktiv zu begegnen (Betonung regionaler Profile, ein Nebeneinander von Gleichem vermeiden): zum anderen lassen interkulturelle kommunale Konzepte  aufhorchen, und nicht zuletzt geht es um die „Zielgruppe von Morgen“, um „Jugend und Kultur“.

Frank Huysmans vom Sozial- und Kulturplanungsamt der Niederlande, beschäftigt sich mit dem Thema aus Sicht seines Landes. Er weist auf deutliche Parallelen zu Deutschland hinsichtlich Alterung und Ethnisierung der Gesellschaft hin. In den Niederlanden wird in 15 Jahren die Gruppe der Einwanderer insbesondere in den drei großen Städten Amsterdam, Rotterdam und Den Haag die Hälfte der Einwohnerschaft bilden. Es ist daher unumgänglich, dass sich die kulturelle Infrastruktur den fremden Einflüssen öffnet, „wie [das] die Schulen, Bibliotheken und Sportvereine bereits vor Jahren getan haben“ (S. 187).

Die Tagung schloss mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Kultur und Demografie – Wandel und Wirkung“, die Clemens Geißler, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Forschung im Alter, wie folgt zusammenfasst: Bildung und Ausbildung betrifft im demografischen Wandel alle Lebensalter. Die kulturellen Einrichtungen sind angesichts des demografischen Prozesses herausgefordert, einen Beitrag zum Abbau der verbreiteten strukturellen Rücksichtslosigkeit gegenüber Familien zu leisten (vgl. S. 56f.). Weiters gehören „Weltverantwortung und das Überwinden von Fremdheit … zu den kulturellen Herausforderungen des demografischen Wandels in allen Regionen.“ (S. 58) Schließlich hält der Autor (auch bereits praktizierte) Generationennetzwerke für einen geeigneten Rahmen zur Aktivierung und Förderung der kulturellen Potenziale, „über die die nachwuchsarme Gesellschaft des langen Lebens verfügt“ (S. 63).

Abschließend sei noch auf die Aktivitäten des Städte-Netzwerk NRW hingewiesen, das sich seit längerem mit dem demografischen Wandel in all seinen Facetten beschäftigt, insbesondere auch mit notwendigen neuen Infrastrukturkonzepten aufgrund veränderter Lebenslagen. Insbesondere  genannt sei der vom Städte-Netzwerk NRW (auch unter Mitwirkung der JBZ) ausgelobte Robert-Jungk-Preis für bürgerschaftliches Engagement, der, dotiert mit 22.000 Euro, in diesem Jahr unter dem Motto „Unternehmungs-Lust, mit Engagement den demografischen Wandel gestalten“ steht  (www.robertjungkpreis.nrw.de/). A. A.

„älter – bunter – weniger“. Die demografische Herausforderung an die Kultur. Hrsg. v. d. Stiftung Niedersachsen. Bielefeld: transcript, 2006. 228 S., € 24,80 [D], 25,50 [A], sFr 43,20

ISBN 978-3-89942-505-5

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