Bürgerbeteiligung in der Praxis

Was braucht gute Bürgerbeteiligung?

Stiftung-Mitarbeit-BürgerbeteiligungDen Dialog, oder zumindest die Bereitschaft dazu, klare Zielformulierungen, genügend Ressourcen, Gestaltungsspielraum und exzellente Planung wären für eine gelingende Partizipation von großer Bedeutung, so die HerausgeberInnen des Methodenhandbuchs “Bürgerbeteiligung in der Praxis” Martina Handler, Marion Stock und Hanns-Jörg Sippel in der Einleitung. In einer Kooperation von Stiftung Mitarbeit und der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) ist dieses Werk erschienen, in dem Grundlagenwissen zur Partizipationspraxis vermittelt wird. 28 unterschiedliche Methoden beschreibt der Band, die übersichtlich und praxisnah vorgestellt werden.

Die Methoden und Instrumente für Beteiligungsverfahren sind so vielfältig und bunt wie die unterschiedlichen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen, um der nächsten Generation ein enkeltaugliches Leben in einer gesunden und friedlichen Umwelt zu sichern, seien enorm und würden kooperative Maßnahmen auf vielen Ebenen erforderlich machen. Dialogische Beteiligungsformate würden den geeigneten Rahmen schaffen, um partizipative Demokratie wirksam und vor allem nachhaltig erfolgreich werden zu lassen, so die HerausgeberInnen. Methoden gäbe es viele, und diese würden „für die Ausgestaltung eines Beteiligungsprozesses eine große Rolle“ spielen (S. 9). Der Ruf nach Beteiligungs- und Mitbestimmungsmodellen nehme zu, speziell auf kommunaler Ebene werden partizipative Verfahren nicht nur beliebter, sie werden von Bürgern und Bürgerinnen in Deutschland und Österreich auch zunehmend eingefordert. Gute Beteiligung fällt jedoch nicht vom Himmel und sei „keine Zauberei“, sie bedürfe präziser Planung, Organisation und Moderation. Ebenso brauche es professionelle Instrumente zur Evaluierung und Qualitätssicherung, meinen die PartizipationsexpertInnen. Doch dialogischen und offenen Herangehensweisen und Methoden fehle es an rechtlichen Regelungen und Verbindlichkeiten, die Spielregeln und der Rahmen seien prozessspezifisch und „entscheiden über Erfolg oder Misserfolg“. „Ihre konkrete Ausgestaltung liegt in der Hand von Politik und Verwaltung.“ (S. 11)

Vielfalt an Methoden

Von A wie Aktivierende Befragung bis Z wie Zukunftswerkstatt nach Robert Jungk findet man/frau im Band bewährte und ebenso neuere Methoden inklusive anschaulicher Praxisbeispiele. Die HerausgeberInnen beweisen Geschick und vor allem Expertise in der vielfältigen Auswahl.

Präsentiert werden Methoden zur Ideensammlung, wie z. B. World Café oder der Online-Dialog. Peter Kühnberger charakterisiert den Online Dialog in seinem Beitrag als „ein offenes, in den meisten Fällen allgemein zugängliches Diskurs-Format im Internet“ (S. 187), welches zeitlich begrenzt ist und der Ideengewinnung und dem Einholen von Meinungen und Positionen diene. Der Online-Dialog ziele darauf ab viele Menschen zu erreichen und sei in der Stadtplanung sehr beliebt. Doch Kühnberger warnt und weist auf ein für PartizipationsexpertInnen bekanntes Problem, nicht nur in Online-Verfahren, hin: „Wer einen Online-Dialog ohne Konzept, Kommunikationsstrategie oder Ressource ins Netz stellt, läuft rasch Gefahr, ein weiteres digitales „Mitmach-Angebot“ geschaffen zu haben, das ohne Resonanz ins Leere läuft.“ (S. 189)

Die HerausgeberInnen machen zudem auf die Wichtigkeit von Inklusion und Chancengleichheit in der Partizipationspraxis aufmerksam. So müsse die Auswahl der BürgerInnen so heterogen wie möglich getroffen werden, denn die „Mitwirkung aller Einwohner/innen zu ermöglichen, ist ein zentrales Qualitätskriterium.“ (S. 10) Hier würde ein niederschwelliger Zugang, etwa aufsuchende Methoden wie die „Aktivierende Befragung“ oder „Planning for real“ ausgleichen und die Teilhabechancen erhöhen.

Auch werden dem Leser und der Leserin interessante Kombinationen aus Online- und Offline-Partizipation, kurz: Blended Participation, vorgestellt, welche vor allem durch ihr Inklusionspotenzial überzeugen. Es würden damit zwar nicht mehr Menschen, aber unterschiedliche Gruppen erreicht, so die AutorInnen Wolfgang Gerlich und Hanna Posch.

Beschrieben wird auch die Mediation als geeignete Methode, wenn es um Konfliktbewältigung geht. Wie in der niederösterreichischen Gemeinde Böheimkirchen, wo die Errichtung eines neuen Rathauses zu Konflikten führte und durch einen dialogorientiertenr Beteiligungsprozess eine überraschende Lösung erzielt werden konnte.

Die Beschreibung aktueller Praxisbeispiele bei denen bekannte Methoden wie die Zukunftswerkstatt, vorgestellt von JBZ-Mitarbeiter Hans Holzinger, die Planungszelle oder der Bürgerrat angewandt wurden, zeigen die vielfältigen Einsatzgebiete und die seit Jahren anhaltende Aktualität dieser Instrumente.

Fazit: Dieses Handbuch sollte in keinem Bücherregal von Menschen fehlen, die sich für professionelle Bürgerbeteiligung interessieren, da es die Buntheit an Möglichkeiten der dialogorientierten Partizipation im deutschsprachigen umfassend darstellt, ihre Stärken und Schwächen aufzeigt und: vor allem Lust auf Beteiligung macht!

Von Dagmar Ziegler

 

Stiftung Mitarbeit/ÖGUT (Hg.): Bürgerbeteiligung in der Praxis. Ein Methodenhandbuch. Bonn: Verlag Stiftung Mitarbeit, 2018. 320 S., € 17,- 

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