Frauen und Macht

Wie Frauen von Machtpositionen exkludiert werden

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Stark beeindruckte uns das Buch „Frauen und Macht“ von Mary Beard. Der Titel verfehlte nur sehr knapp die Top Ten der Zukunftsliteratur 2018. Die Professorin für Klassische Altertumswissenschaft an der Universität Cambridge analysiert darin kulturell tief verankerte Mechanismen, die Frauen im öffentlichen Diskurs zum Schweigen bringen und von Machtpositionen exkludieren.

Das Buch startet mit den Anfängen überlieferter abendländischer Literatur, genauer gesagt mit dem Sohn des Odysseus, Telemachos, der seiner Mutter Penelope das Wort verbietet. Beard interessiert sich für das Verhältnis zwischen diesem bei Homer thematisierten Geschlechter- bzw. Rollenkonflikt und der Weise, wie in unserer gegenwärtigen Gesellschaft weibliche Stimmen überhört bzw. mundtot gemacht werden, in welcher kulturell heiklen Beziehung sie also zu der öffentlichen Sphäre der Reden, Debatten und Stellungnahmen stehen (vgl. S. 16).

Von der griechischen und römischen Antike ausgehend, nennt sie zahlreiche Beispiele, in denen öffentliche Äußerungen einer Frau mit Verachtung, Abscheu oder Gewalt gestraft werden. Sie zeigt, dass es in der klassischen Welt nur zwei Ausnahmen gab, die Frauen dazu befugte ihre Stimme zu erheben: als Opfer und Märtyrerin, meist um ihren Tod anzukündigen; als Beschützerin ihres Heims, ihrer Kinder, ihres Ehemannes oder anderer Frauen – wohlgemerkt nicht für Männer oder das Gemeinwesen als Ganzes (vgl. S. 24).

Beard schreitet sachlich durch die verschiedenen Jahrhunderte bis zur Jetztzeit und verdeutlicht, dass diese Mechanismen immer noch nicht aufgebrochen, sondern kulturell verfestigt sind. Wenn etwa männliche Autoritäten als Perseus dargestellt werden, das abgeschlagene Haupt einer politischen Kontrahentin in den Händen haltend; wenn Frauen nicht reden, sondern ‚kläffen‘; oder wenn Beschimpfungen auf Twitter in Vergewaltigungsandrohungen ausarten, dann treten in Form von Symbolen und Redewendungen soziokulturelle Einstellungsmuster der geringeren Wertigkeit von Frauen zu Tage, die seit der Antike tradiert werden.

Das kurzweilige Bändchen lehrt Geschichte, lädt zur Selbstreflexion ein und hinterfragt Machtdynamiken. Lösungsvorschläge werden nicht geboten, aber historischer Kontext und interessante Überlegungen: „Wenn Frauen nicht innerhalb der Machtstrukturen wahrgenommen werden, müsste dann nicht statt der Frauen die Macht neu definiert werden?“ (S. 83)

Von Katharina Kiening

 

Beard, Mary: Frauen und Macht. Ein Manifest. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2018. 108 S., € 12,- [D], 12,40 [A]

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