Wachabloese-Karin-Kneissl

Auf dem Weg in eine chinesische Weltordnung:

Mit Vorbehalt habe ich das im Verlag der „Team Stronach Akademie“ publizierte Büchlein der neuen, von der FPÖ berufenen österreichischen Außenministerin Karin Kneissl zur Hand genommen. Bedenken sind durchaus angebracht ob der Frage, was eine ausgewiesene Nahostexpertin für ein Ministeramt auf Vorschlag dieser Partei qualifiziert. Es waren wohl Aussagen Kneissls zur Flüchtlingskrise und zur berüchtigten Kölner Silvesternacht sowie in früher publizierten Büchern (z.B. „Testosteron macht Politik“, 2012), in denen sich die studierte Arabistin als „Expertin für Geopolitik“ einen Namen machte und Flüchtlinge immer wieder als „Testosteronbomben“ bezeichnete.

„Europa steht am Abstellgleis“ (S. 5), ist Karin Kneissl überzeugt. Die globalen Machtverhältnisse und Einflusssphären verschieben sich gerade. Das bevölkerungsreichste Land der Welt schickt sich an, in jenes Vakuum vorzustoßen, das ein nur mit sich selbst beschäftigtes Europa und eine auf Rückzug bedachte USA preisgeben. China geht längst in Afrika und im Mittleren und Nahen Osten diplomatisch und wirtschaftlich in die Offensive und das Projekt „Neue Seidenstraße“ (siehe Nr. ) ist wohl weit mehr als nur das Tor Richtung Westen für den größten Energieimporteur der Welt. „Denn die Wirtschaftsmacht China sieht sich zusehends wieder in der Rolle des imperialen ‚Reichs der Mitte‘, das zivilisatorisch dem Rest der Welt überlegen ist“ (S. 10), so Kneissl. Auch ihre Einschätzung, dass sich die geopolitischen Gewichte zunehmend vom Atlantik zum Pazifik verschieben und der Westen (Europa) keine Strategie hat, wie damit umzugehen sei, trifft zweifellos zu. Wirtschaftlich ist das Land mit seinem kommunistischen Kapitalismus längst zum Global Player geworden. Ohne China, ist die Autorin überzeugt, geht heute im weltweiten Rohstoffhandel und in der internationalen Energiepolitik nichts mehr. Es sagt wohl einiges aus, „wenn Funktionäre der chinesischen Kommunistischen Partei der US-Delegation in einer Konferenz der G20 [2017 beim G20 Treffen in Baden-Baden, Anm. d. Red.] die Vorzüge des Freihandels erläutern müssen“ (S. 91).

Den Aufstieg Chinas wahrnehmen

Politiker und Medien tun sich in der Tat schwer mit der richtigen Einschätzung der Lage, wie Österreichs oberste Diplomatin kritisiert. Derzeit scheint es, als ob der Höhenflug Chinas nur von internen Problemen wie der frühzeitigen Vergreisung infolge der Ein-Kind-Politik und Herausforderungen aufgrund des wachsenden Wohlstandsgefälles gestoppt werden könne. Kneissl vertritt auch hier die These, dass der Überschuss an jungen Männern eine große Bedrohung für die Stabilität des Landes darstellt. „Die Sorge unter einigen Beobachtern ist auch da, dass die überzähligen jungen Männer als Kanonenfutter eines Tages in einen konventionellen Krieg geworfen werden könnten. Die chinesische Volksarmee verfügt über ein stehendes Heer von circa 2,3 Millionen Soldaten und bildet somit die größte Armee der Welt.“ (S. 98)

Den Aufstieg Chinas nicht wahrhaben zu wollen – wie es in der EU und in Österreich oft der Fall ist – sei eine gefährliche Realitätsverweigerung, ist Kneissl überzeugt. Und das Warten darauf, „dass innenpolitische Probleme dem Machthunger Chinas eventuell einen Dämpfer versetzen könnten“ (S. 103), sei auch keine brauchbare Strategie. „Sich auf die chinesische Hegemonie einzustellen, glaubwürdige Positionen aufzubauen und durchzuhalten, ist das Gebot der Stunde für die stark geschwächte EU und ihre Mitgliedsstaaten gleichermaßen.“ (ebd.) Der EU empfiehlt die österreichische Autorin, sich vom Moralismus zu verabschieden, geopolitisches Denken und Handeln verstärkt an Schulen zu lehren und Auslandssemester besser in China als im angelsächsischen Raum zu absolvieren. Alles in allem eine nachvollziehbare Analyse.

Von Alfred Auer

Kneissl, Karin: Wachablöse. Auf dem Weg in eine chinesische Weltordnung. Wien: Frank & Frei,  2017. 112 S., € 14,90 [D], 15,40 [A] ; ISBN 978-3-9504348-4-2

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