Rassismus

Wernsing-Rassismus-die-erfindung-von-menschenrassenDie Erfindung von Menschenrassen

Der Band „Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen“ ist als Betrag zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum in Dresden konzipiert, die bis Januar 2019 zu sehen ist. Die Ausstellung und damit auch das Buch betrachten die Geschichte des Rassismus und die Konstruktion von rassistischen Vorstellungen aus verschiedenen Perspektiven und in kritischer sowie selbstreflexiver Weise, womit auch auf die Vergangenheit des Museums Bezug genommen wird. Die Bilder, Texte und rassismuskritischen Interventionen des Bandes geben Einblick in die Genese rassistischen Denkens und bieten Denkanstöße, um auch den eigenen Standpunkt zu überdenken.

Bereits eingangs wird erläutert, dass bereits zur Zeit ihrer „Erfindung“ im 18. und 19. Jahrhundert das Postulat von „Rassen“ kein wissenschaftliches Konzept war, sondern stets der „Herstellung eines instrumentellen, politisch nutzbaren Wissens“ (S. 23) diente. Die zahlreichen Bilder und Beschreibungen zeigen eindrucksvoll, wie durch die Institutionalisierung rassistischer Praktiken, die sowohl die Wissenschaft als auch die Verwaltung erfasste, die Idee der „Rassen“ erst hergestellt wurde, etwa durch anthropologische Forschung, die den „Anderen“ in seinen physiologischen Merkmalen vermessen versuchte; z. B. durch die sogenannte „Tabelliermaschinen“, die im Nazi-Deutschland zur Erfassung der Bevölkerung und ihrer „Abstammung“ verwendet wurden. Rassistisches „Wissen“ prägte damals eine Vielzahl von Normvorstellungen, wie etwa jene der Schönheit, die mit „weißer“ Haut, glatten Haare und einem schmalen Nasenrücken assoziiert wurde. Das Aufbrechen dieser oftmals immer noch tradierten Ideen ist auch heute noch von höchster Bedeutung.

Die vorwiegend historische Bearbeitung des Phänomens Rassismus in diesem Buch verdeutlicht die Wandelbarkeit dieses Phänomens sowie die vielen auch subtilen sozialen Funktionen, die dieses etwa in Bezug auf die Aufrechterhaltung von Herrschaftsverhältnissen, die Ausbeutung der „Anderen“ sowie die Selbstvergewisserung der selbst zugeschriebenen und konstruierten kollektiven Identität innewohnt. So wird nachvollbar, wie sich selbst in den Wissenschaften einer historischen Epoche herrschende Ideologien widerspiegelten, Ideen und Theorien umgedeutet und in ein bestehendes Weltbild integriert wurden. So wird verdeutlicht, wie rassistische Denkmuster bis in die letzten Winkel einer Gesellschaft vordrangen, etwa indem vor Rassismus „triefende“ Ausstellungen organisiert oder rassistische Abbildungen auf Postkarten gedruckt und verbreitet wurden (siehe S. 65ff.). Auch durch geographische Landkarten wurde eine koloniale Perspektive befördert und verbreitet. Denn diese „drücken stets einen bestimmten, nie objektiven Blick auf die Welt aus“ (S. 112). Beispielsweise wurde Europa häufig ins Zentrum der Karte gestellt. Auch heute noch wird der europäische Kontinent auf der Grundlage der Mercatorprojektion im Verhältnis zu den anderen Erdteilen vergrößert dargestellt.  Nicht zuletzt wurde Rassismus durch Praktiken der Erniedrigung reproduziert und ausgeweitet. Dies erfolgte etwa im kolonialen Kontext nicht nur durch rohe Gewalt, sondern auch durch Symbolik. So bildet der Bildband etwa eine Marke ab, die „Schwarze“ im damaligen Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) – ähnlich den Tieren – am Körper tragen mussten (siehe S. 108).

Kritisch ist anzumerken, dass der Band einigen Verkürzungen unterliegt und Leerstellen aufweist. So wird etwa der Holocaust unter dem Thema Rassismus abgehandelt und tendenziell in ein Kontinuum mit dem Kolonialismus gestellt, ohne die Spezifik des Antisemitismus deutlich herauszuarbeiten. Des Weiteren fokussiert das Buch v. a. den Kolonialismus und damit den kolonialen Rassismus. Dies ist wohl – neben der theoretischen Ausrichtung auf „kritische Weißseinsforschung“, einem derzeit prominenten Ansatz, der v. a. die Kolonialgeschichte und die weiterhin andauernde Privilegierung „weißer“ Menschen in den Fokus der Kritik nimmt – der Grund dafür, dass zumindest im Band einige andere Formen rassistischer Ideologie, wie z. B. Antiziganismus oder auch der antimuslimische Rassismus unterbelichtet bleiben. Dennoch sei das Buch allen anempfohlen, die das Wesen des Rassismus, seine Erscheinungsformen und Funktionsweise besser verstehen wollen, ohne sofort zu komplexen historischen oder theoretischen Abhandlungen greifen zu müssen.

Von Dominik Gruber

 

Wernsing, Susanne, Geulen, Christian; Vogel, Klaus (Hrsg): Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen (herausgegeben für das Deutsche Hygiene-Museum Dresden). Göttingen: Wallstein, 2018. 176 S., € 19,90 [D], € 20,50 [A]