Ausnahmezustand

Ausnahmezustand-Fred-Luks

Unsere Gegenwart von A bis Z:

„Die Lage ist – für sich genommen und zugespitzt in räumlichen und zeitlichen Zusammenballungen und Verbindungen – kompliziert. Sie wird von vielen Menschen offensichtlich als sehr bedrohlich empfunden.“ (S. 12) Damit beschreibt Fred Luks den „Ausnahmezustand“, so der Titel seines Buchs, in dem wir uns befänden – sozial, ökologisch und politisch. Populismus, Migration, Klimapolitik, Digitalisierung oder Verteilungsfragen nennt er als Stichworte. Die Paradoxie der Herausforderung bestehe nun darin, „unsere (westliche) Art zu leben gleichzeitig zu verteidigen und radikal zu ändern“ (ebd.). Der Ausnahmezustand sei gekennzeichnet durch Zuspitzung, hohe Ereignisdichte und das Gefühl, „dass es so nicht weitergehen könne“ (S. 16), der Erfolg des Populismus zumindest in Teilen als Antwort auf diese komplizierte Lage beschreibbar: „Er ist sozusagen Problemauslöser und Problemreaktion.“ (S. 13) Luks bezieht sich dabei auf Autoren wie David Goodhart, der von einem „populistischen Aufstand“ spricht, oder Ivan Krastev, der in der Migrationsfrage die zentrale Herausforderung für den europäischen Liberalismus sieht. Dazu kämen die ökologischen Bedrohungen, die bislang freilich keine „substanziellen politischen Reaktionen“ (S. 21) gezeitigt hätten, und das stockende Wirtschaftswachstum, wiewohl dieses weiterhin als „zentrales Erfolgskriterium jeder Wirtschaftspolitik“ (ebd.) angesehen werde.

Denkverbote und ökologische Begrenzungen

Luks plädiert dafür, Denkverbote – auch unter den Linken – aufzubrechen, etwa durch offene Debatten über Migration und Versäumnisse eines elitären Kosmopolitismus. Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ nennt er dabei u.a. als Kronzeugen. Auch gibt Luks zu bedenken, dass die Erwartungen an die politische Steuerbarkeit von Gesellschaften häufig überzogen würden. Hier beruft er sich auf den Soziologen Armin Nassehi, ohne freilich all dessen Schlüsse zu teilen. Mit einem anderen Soziologen, Harald Welzer, teilt Luks die Wertschätzung von Pionierprojekten und positiven Zukunftsbildern: „Kleine Erfolgsgeschichten und große Zukunftsvisionen sind zentrale Faktoren für die Möglicheit(en) der Zukunft.“ (S. 294) Eine entsprechende „Erwartungspolitik“, die auch den Kapitalismus groß gemacht habe, könne daher ein „Hebel für die Überwindung der aktuellen Krisen sein“ (ebd.).

Das Spannungsverhältnis von (wirtschafts)liberalen Gesellschaften und den erforderlichen ökologischen Begrenzungen sieht Luks als zentrale Herausforderung. Wie in seinen früheren Büchern nähert sich der Autor dabei dem Thema assoziativ, indem er die Kapitel mit Überschriften nach dem Alphabet reiht – von „Anomalie“ bis „Zukunftsbilder“. Das hat einen gewissen Charme, verführt aber auch dazu, zu möglichst vielen Aspekten etwas sagen zu wollen. Den eingeforderten Anspruch an einen seriösen Diskurs löst Luks leider dort nicht ein, wo er offensichtlich seine „Feindbilder“ ausmacht, etwa in der „Gemeinwohlökonomie“ von Christian Felber, der er „Esoterik, Kommandowirtschaft und Plebiszitpopulismus“ (S. 37) vorwirft, oder den Freihandelskritikern, denen er Verschwörungstheorien nachsagt. Auch Abwertungen wie „Weltrettungstruppen“ (S. 300) oder „Erlösung von den Erlösern“ (S. 299) im Zusammenhang mit ökosozialen Basisbewegungen tun der Sache keinen guten Dienst. Luks ist belesen, das zeigt sein Buch. Unklar bleibt am Ende aber, was er selbst zur Auflösung der Paradoxie zwischen Liberalität und notwendigen Begrenzungen vorschlägt.

Von Hans Holzinger

Luks, Fred: Ausnahmezustand. Unsere Gegenwart von A bis Z. Marburg: Metropolis, 2018. 379 S., € 28,- [D], 28,80 [A] ; ISBN 978-3-7316-1302-2

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