Rassismus

kalpaka-rassismusDie Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein:

Der Band „Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein“ versammelt fünf zentrale Texte zur Theorie und Praxis rassismuskritischer Arbeit, die zwischen 1980 und 2000 publiziert und 2017 in dieser Anthologie neu aufgelegt wurden. Diese Texte verdeutlichen nicht nur, dass es in theoretischer und auch praktischer Hinsicht in der Perspektive und Praxis des Antirassismus sowie der Rassismuskritik einige Veränderungen und Fortschritte gegeben hat; sie zeigen auch, dass die damaligen Diskussionen „frappierende Ähnlichkeit mit heutigen Debatten haben“ (S. 7). So kann anhand des ersten und zentralen Textes „Wirkungsweisen von Rassismus und Ethnozentrismus“ von Annita Kalpaka und Nora Räthzel, der auch im Zentrum dieser Buchvorstellung stehen soll, festgestellt werden, dass der politische Diskurs auch heute noch mit Rassismen bzw. rassistischen Elementen durchzogen ist etwa wenn im Kontext der sogenannten „Integrationsdebatte“ eine homogene Kultur der „ÖsterreicherInnen“ oder „Deutschen“ konstruiert wird, an die sich als „rückständig“ oder gar „unzivilisiert“ imaginierte „Fremde“ und MigrantInnen anzupassen haben. Häufig werden rassistische Konstruktionen im Zuge solcher Debatten weder als solche benannt; vielmehr werden sie normalisiert. Integration wird in einem solchen Diskurs meist als Bringschuld von MigrantInnen angesehen; ihre Nicht-Erfüllung wird häufig dafür genutzt, die eigenen Ressentiments zu legitimieren. So wird Rassismus zu einem Problem der MigrantInnen umdefiniert und nicht als eines der „ÖsterreicherInnen“ und „Deutschen“ erkannt.

Ansätze der Selbstorganisierung und Selbstermächtigung

In Bezug auf die politische Strategie, mit der u. a. Rassismus bekämpft werden soll, plädiert der Text von Kalpaka und Räthzel mit Blick auf marginalisierte Gruppen und Personen u. a. für Ansätze der Selbstorganisierung und Selbstermächtigung. Hierbei versuchen die Autorinnen einen Weg einzuschlagen, der weder in die Fallstricke einer kolonialisierenden noch einer kulturrelativistischen Position tappt. Dafür bedarf es – etwa im Bereich der sozialen Arbeit – einem Begegnen auf Augenhöhe. D. h., MigrantInnen sollen ihre eigenen Emanzipationsvorstellungen verfolgen können. Gleichzeitig muss gewährleistet sein, dass sich MagrantInnen mit den Vorstellungen der Selbstermächtigung „heimischer“ Bewegungen – etwa der Frauenbewegung hierzulande – auseinandersetzen können. Aus struktureller Perspektive schlagen die Autorinnen u. a. vor, gesellschaftliche Positionen, z. B. Leitungsfunktionen für MigrantInnen zu öffnen bzw. diese bewusst mit MigrantInnen zu besetzen. Was die „Einheimischen“ betrifft, fordert der Beitrag eine „Arbeit mit Deutschen“ (S. 12). Diese soll verschiedene Formen von Rassismus und Bevormundung vermeiden helfen. Sie umfasst etwa die Reflexion des eigenen Denkens und Handelns. So könnte etwa das Defizit-Denken gegenüber den „Anderen“ überwunden oder der Ausbildung eines HelferInnensyndroms, das schnell in Bevormundung mündet, vorgebeugt werden. (vgl. 136f.)

“Formen ideologischer Vergesellschaftung”

Kalpaka und Räthzel bleiben in ihrer Analyse nicht bei einem Verständnis von Rassismus stehen, das diesen auf ein bloßes Vorurteil reduziert. Sie verstehen Rassismus und Ethnozentrismus vielmehr als „Formen ideologischer Vergesellschaftung“ (S. 90), als eine „rebellierende Selbstunterwerfung“ (S. 19), in der man sich – im Falle des „negativen“ Rassismus – andere Lebensweisen selbst untersagt und im „Anderen“ verfolgt; oder – im Falle eines „positiven“ Rassismus – im „Anderen“ bewundert und in stereotyper Weise nachahmt. Des Weiteren konstatieren die Autorinnen, dass die ursächliche Quelle von Rassismus und Ethnozentrismus nicht ohne eine Analyse gesellschaftlicher Strukturen auskommt. Menschen werden in widersprüchliche und durch unvereinbare Interessensgegensätze geprägte Gesellschaft integriert, indem sie sich den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen freiwillig unterwerfen und ihre Ziele und Lebensformen auf die herrschenden Strukturen ausrichten. Rassismus dient dabei u. a. der Legitimierung der eigenen Unterwerfung und der Stabilisierung der Identität sowie der eigenen sozialen Positionen. Dies wird v. a. in Zeiten wirtschaftlicher Krisen deutlich. Hier wird Rassismus häufig befördert, da in ihnen Konzepte der Lebensgestaltung und Verhaltenssicherheiten fragwürdig werden. Rassismus bietet in diesem Kontext die Möglichkeit der „Imaginierung von Machtzuwachs“ (S. 95), die es erlaubt, zumindest gegenüber „Ausländern“ „als ‚Herr‘ über die Verhältnisse“ (ebd.) auftreten zu können. So gerinnt Rassismus auch für Teile der sogenannten „Abgehängten“ zu einem Instrument der Stabilisierung ihres Inneren und der Legitimation der eigenen Persönlichkeit. Es sind diese Mechanismen, die es zu verstehen gilt, um sich der Tatsache bewusst zu werden, wie groß die „Schwierigkeit ist, nicht rassistisch zu sein“.

Von Dominik Gruber

 

Kalpaka, Annita; Räthzel, Nora; Weber, Klaus (Hrsg.): Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Hamburg: Argument, 2017. 314 S., € 13,00 [D], € 13,40 [A]