Freundliche Übernahme

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Chinas Griff nach Europa:

Wie der Titel vermuten lässt, ist China auf Einkaufstour – nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa. Seit der Wirtschaftskrise 2008 wurden wichtige Unternehmen in Europa im großen Stil aufgekauft. Wie intensiv und folgenreich China hierzulande investiert, davon berichten Juan Pablo Cardenal und Heriberto Araújo.

Nach wie vor bestehen ungleiche Investitionsbedingungen: Restriktionen in China und offene Märkte in Europa. Nicht nur die Autoren meinen deshalb, man müsse die chinesischen Aktivitäten in Europa genauer in den Blick nehmen, ja vielleicht auch strenger kontrollieren. Ein erstes Wachrütteln fand im Herbst 2017 statt, als der damalige deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel überraschend die Übernahme des deutschen Elektroniktechnikunternehmens Aixtron durch einen chinesischen Investor gestoppt und im gleichen Atemzug faire Investitionsbedingungen gefordert hatte.

China stürzt, so die Autoren, die westliche Welt in ein echtes Dilemma. „Wie soll man mit einem Land umgehen, das nicht nur autoritär regiert wird, sondern finanziell übermächtig ist und über die am rasantesten wachsenden Zukunftsmärkte verfügt?“ (S. 11) Fakt ist, dass China seit der Finanz- und Wirtschaftskrise gewaltig an Macht gewonnen hat. Das Engagement sei vielfältig, berichten Cardenal/Araújo und reiche vom Erwerb von Anteilen in strategischen Sektoren über den Ausgleich von Staatsschulden bis hin zu Investitionen in hochwertige Technologien oder bankrotte westliche Unternehmen. In den Entwicklungsländern engagiert sich Peking ohnehin seit anderthalb Jahrzehnten, um seinen Bedarf an Rohstoffen für einen Markt mit 1,4 Mrd. Menschen zu sichern, Infrastrukturen zu finanzieren und aufzubauen. China nimmt längst jede Chance wahr, die sich bietet: darunter millionenschwere Übernahmen im Energiesektor und von Bergwerken in Kanada sowie Australien, die Kontrolle über den wichtigsten Hafen im östlichen Mittelmeer oder den Erwerb kleiner Betriebe und mittelständischer Unternehmen in Deutschland, die dank ihrer hochentwickelten Technologie in Nischenmärkten weltweit führend sind. Außerdem hat das „Reich der Mitte“ mithilfe von Finanzspritzen „europäische Automobilhersteller gerettet, die in Bedrängnis geraten sind oder Konkurs angemeldet haben“ (S. 12f.).

Herausforderung demokratischer Gewohnheiten

Die Gesamtsumme der Investitionen Chinas in Europa innerhalb des letzten Jahrzehnts beträgt laut der konservativen US-Denkfabrik „Heritage Foundation“ 60 Milliarden Dollar. Insgesamt hat China von 2005 bis Ende 2014 mehr als 257 Milliarden Dollar in Europa, Nordamerika und Australien investiert. Bei allen positiven Effekten dieses Engagements sprechen Cardenal/Araújo davon, dass die auf die Märkte strömenden Unternehmen zum größten Teil Staatsunternehmen sind und es deshalb auch die Einflussmöglichkeiten zu bedenken gilt, die der chinesische Staat auf unsere Regierungen und Gesellschaften in Zukunft nehmen wird.

Auf dem internationalen Parkett gebärdet sich China zunehmend arrogant, wie die Autoren berichten. Ein Treffen mit dem Dalai Lama hatte zur Folge, dass die diplomatischen Beziehungen zwischen China und Großbritannien für anderthalb Jahre auf Eis gelegt wurden. Ähnliches passierte Norwegen, nachdem im Jahr 2010 der Friedensnobelpreis an einen bekannten chinesischen Dissidenten verliehen wurde. Im Großen und Ganzen kennzeichnet aber nach Einschätzung von Cardenal/Araújo der „Kotau“, das Ritual zu Kaiserzeiten, sich vor dem Herrscher niederzuwerfen und zu erniedrigen, den heutigen Umgang westlicher Politiker mit den kommunistischen Führern. In jedem Fall fordert der Aufstieg eines autoritären Chinas die verbindlichen internationalen Normen und auch unsere demokratischen Gewohnheiten heraus, sind beide überzeugt.

Von Alfred Auer

Cardenal, Juan Pablo; Araújo, Heriberto: Freundliche Übernahme. Chinas Griff nach Europa. München: Hanser, 2017. 349 S., € 26,- [D], 26,80 [A] ISBN 978-3-446-25500-5

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