Die Herkunft der anderen

Morrison-die-herkunft-der-anderenÜber Rasse, Rassismus und Literatur

Die amerikanische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison hielt im Jahre 2016 an der Harvard University eine Reihe von Vorträgen zum Thema „die Literatur der Zugehörigkeit“. Für die 2018 erschienene Publikation „Die Herkunft der anderen“ wurden einige dieser Beiträge ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht. Darin beschäftigt sich Morrison mit dem Rassismus gegenüber „schwarzen“ Menschen in der Gegenwart und der Geschichte Amerikas. Eine ihrer grundlegenden Thesen ist, dass Rassismus mehr mit der Situation und dem Denken jener, die als „weiß“ gelten, zu tun hat als mit jenen, die von Rassismus betroffen sind. Unter dem Begriff „weiß“ ist hierbei kein biologisches Merkmal zu verstehen; dieser verweist vielmehr auf ein wirkmächtiges gesellschaftliches Verhältnis, das „weiße“ Personen – z. B. im Gegensatz zu People of Color – privilegiert. Darauf aufbauend identifiziert Morrison Rassismus u. a. als einen Mechanismus, der „das Bedürfnis, sich sein Selbstbild als Mensch zu erhalten, während man unmenschliche Taten begeht“ (S. 10), befriedigt.

Im ersten Beitrag, der den Titel „Romantisierte Sklaverei“ trägt, beschreibt Morrison u. a. das Phänomen der Romantisierung als eine Strategie zur Legitimierung von Rassismus. Darunter versteht die Autorin „Versuche, die Sklaverei zu romantisieren, sie menschlich und liebevoll zu zeichnen, um sie auf diese Weise akzeptabel zu machen oder sogar als eine bestmögliche Lösung auszugeben“ (S. 25). Diese Form von Rassismus taucht auch in der Literatur immer wieder auf. Beispielsweise erkennt Morrison eine solche Romantisierung auch im bekannten Werk „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe wieder. In diesem Buch wird die Sklaverei – so Morrison – „sexuell und romantisch reingewaschen und parfümiert […], in Sentimentalität getränkt“ (S. 28f.), sodass Sklaverei für die RezipientInnen dieses Buchs, die zur Zeit der Veröffentlichung vorwiegend „weiß“ waren, eine Form von Legitimation erfährt.

Im zweiten Kapitel „Fremd sein oder fremd werden“ beschreibt Morrison eindrücklich die eigene Verstrickung in rassistische Verhältnisse, und zwar anhand einer Episode, die schildert, dass Rassismus nicht nur Ablehnung, sondern auch „Besitzergreifung“ (S. 45) bedeuten kann. Eine flüchtige Begegnung in der Nähe eines Flusses mit einer „fremden“ Anglerin, verleitet die Autorin dazu, sich diese immer wieder in Erinnerung zu rufen, sie jedoch in der Phantasie zu „sentimentalisieren“, ihr das eigene Bild überzustülpen. Morrison beschreibt diesen Gedanken als einen Akt, „den anderen besitzen, beherrschen, steuern“ (S. 48) zu wollen. In einer solchen „falschen Verbeugung […] verweigern wir dem Gegenüber die Individualität, die Fülle der Persönlichkeit, auf der wir für uns selbst bestehen“ (ebd.). Morrison versteht es somit die subtilen Formen, die Rassismus annehmen kann, beispielhaft zu verdeutlichen und nachvollziehbar zu machen.

Im dritten und auch vierten Teil des Buches skizziert die Autorin, wie das Merkmal der „Hautfarbe“ in vielen, auch klassischen Werken der Literatur als prominentes Stilmittel eingesetzt wird; die Autorin selbst entzieht sich diesem (S. 59), indem sie in ihren Romanen „Geschichten“ von Rassismus erzählt, aber „den Leser zum Ignorieren der Hautfarbe“ (S. 57) zwingt. So versucht sie, dem „Hautfarbenfetischismus“ (S. 59) als Moment „erfolgreicher“ Erzählungen eine Absage zu erteilen. Nachdem Morrison im fünften  Abschnitt „Vom Anderssein erzählen“ nochmal auf die Gräuel der Sklaverei in der amerikanischen Geschichte eingeht, wendet sie sich abschließend der Gegenwart und dem Phänomen der Migration zu. Vieles davon will sie „als Wanderung der Kolonisierten in die Länder ihrer Kolonialherren“ (S. 91) verstanden wissen. Ein relevanter „Treiber“ der Migration ist die Globalisierung, die die Autorin v. a. als „ungehinderte Kapital- und Datenflüsse“ (S. 93) versteht. Sie führe – so Morrison – zu einem Erodieren des Gefühls der Zugehörigkeit und zu einer Nivellierung aller Verschiedenheit (vgl. S. 94f.) – in ihren Augen eine bedrohliche Entwicklung, wie das von ihr eindringlich analysierte Phänomen rassistischen Denkens, Handelns und Schreibens.

Von Dominik Gruber

 

Morrison, Toni: Die Herkunft der anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2018. 112 S., € 16,00 [D], € 16,50 [A]