Die chinesische Verunsicherung

Mark-Siemons-Chinesische-Verunsicherung

Stichworte zu einem nervösen System:

China, die große Unbekannte, schickt sich an, eine Verschiebung der globalen Machtverhältnisse und Einflusssphären herbeizuführen. Das Unverständliche an Staat und Gesellschaft dieses Landes entspringt zunächst einmal, so Mark Siemons, langjähriger China-Korrespondent der Frankfurter Allgemeine Zeitung, unserer Distanz zu einer Kultur, die selbst dann fremd bleibt, wenn sie sich in gigantischem Umfang westliche Errungenschaften zu eigen macht. Unsicher fühlt sich aber nicht nur der Westen, sondern auch die Chinesen selbst, denn die Widersprüche im Land sind riesengroß. Insofern ist der Titel durchaus doppeldeutig zu verstehen, denn in „diesem Buch soll die Verwirrung einmal so ungeschützt erhalten bleiben, wie sie der in China Lebende vorfindet, mit all jenen Elementen, die so, wie sie in die geistige und physische Geographie dieses Staats eingeschrieben sind, nicht zueinander passen wollen“ (S. 11f.). Diese Verunsicherung wird dadurch verstärkt, dass der Glaube an den Marxismus und die Partei heute stärker eingefordert „und durch einen immer weiter forcierten Kapitalismus täglich unterlaufen wird“ (S. 21). Von Europa aus über China nachzudenken, bedeutet für Siemons vor allem die eigene Beobachterrolle zu reflektieren.

Der Autor bündelt Teile der Analysen, die er als Korrespondent 2005-2014 verfasst hat, und ordnet sie in sechs große Themenfelder: ,,Chinesische Werte“, „Elemente der Herrschaft Xi Jinpings“, „Recycelte Traditionen“, „Das kulturelle System“, „Kulturelle Akteure“ und „Das neue Leben“. Er berichtet so in spannenden Reportagen von einem System hinter dem System. Die Chinesen rechnen von Kindesbeinen an damit, „dass es noch eine zweite normative Ebene gibt, zu der sich niemand öffentlich bekennt, die aber niemand missachten darf, der etwas in der Wirklichkeit erreichen will“ (S. 44). In einer Geschichte geht es um die „planmäßige Herstellung von Fiktionen“. Aufgabe des „Staatsamts für Briefe und Besuche“ etwa ist es, eingereichte Petitionen zu bearbeiten, die wegen Enteignungen oder fehlenden Entschädigungszahlungen vorgebracht werden. China hat daraus einen raffinierten Mechanismus gemacht, der Kritik ins Leere laufen lässt. (vgl. S. 48)

Strategie der Europäer nicht erkennbar

Schwer wiegt die eigene Zerrissenheit der Chinesen. Durch das rasante Wachstum seit 1990 ist das Land einer der zentralen Akteure der wirtschaftlichen Globalisierung geworden. Heute sind fast 300 Millionen WanderarbeiterInnen am Aufschwung beteiligt, die wenigsten von ihnen mit Arbeitsverträgen, die meisten nahezu rechtlos und getrennt von ihren Familien. (vgl. FAZ v. 12/2017) Nicht zuletzt deshalb fühlen sich immer mehr Menschen inmitten der Globalisierung fremd im eigenen Land. (vgl. S. 139) Da kommt der lange verpönte Konfuzianismus als Quelle der Sinngebung gerade recht. „Die Kommunistische Partei fördert die Belebung der Tradition auf verschiedenen Ebenen, gleichzeitig aber warnt sie davor.“ (S. 90) Was den Marxismus betrifft, scheint dieser zu einem Gehäuse mutiert zu sein, „in dem sich so ziemlich jede Art Politik unterbringen lässt, solange sie nur als Einheit der Gegensätze unter dem Dach einer autoritären Partei interpretiert werden kann – und insofern auch als Gegenmodell zu westlichen Demokratien taugt“ (S. 93). Der vom Westen insgeheim für unumkehrbar gehaltene Trend zu mehr Liberalismus, Demokratie und Gewaltenteilung in einer durch die Marktwirtschaft immer pluralistischer werdenden Gesellschaft hat sich offensichtlich nicht erfüllt. Hingegen lockt das „Reich der Mitte“ als der größte Markt der Welt. Der Umgang mit China wird wohl auch in absehbarer Zukunft schwierig bleiben. Eine gemeinsame Strategie der Europäer ist nicht in Sicht.

Von Alfred Auer

Siemons, Mark: Die chinesische Verunsicherung. Stichworte zu einem nervösen System. München: Hanser, 2017. 192 S. (Ed. Akzente) € 22,- [D], 22,70 [A] ; ISBN 978-3-446-25537-1

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