Wa(h)re Gefühle

Ware-Gefühle-Wahre-GefühleAuthentizität im Konsumkapitalismus:

Eva Illouz hat sich die vergangenen 200 Jahre der westlichen Welt angesehen. Und sie steht vor einem Phänomen: Wie kann es sein, dass das menschliche Handeln gleichzeitig zunehmend rationalisiert und emotional intensiviert wurde? Die vergangenen Jahrhunderte haben unseren wirtschaftlichen Austausch immer effizienter und rationaler werden lassen. Gleichzeitig erlebten wir ab dem 19. Jahrhundert eine Hinwendung zu Gefühlen, Stimmungen und individuellen Befindlichkeiten in zuvor ungekanntem Ausmaß.

Die Autorin hat nachgelesen und stellt die bisherigen Erklärungsmuster vor. Die These von den kulturellen Widersprüchen des Kapitalismus geht davon aus, dass diese widersprüchlichen Handlungsformen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft kulturell gespaltene Persönlichkeiten hervorbringen. „Während die Sphäre der kapitalistischen Produktion Disziplin und Verzicht erfordert, stellt die des Konsums die Ideale der Selbstbefreiung, Authentizität und emotionalen Erfüllung in den Vordergrund.“ (S. 25) Dieser Widerspruch sei eine der Schwächen des Kapitalismus. Illouz betrachtet die These von den kulturellen Widersprüchen skeptisch, denn sie konnte nicht erklären, warum es bei der Zunahme der Arbeitszeit gleichzeitig zu einer Erstarkung der Bedeutung des persönlichen Lebens kam, wie sie für die letzten Jahrzehnte charakteristisch war. Auch in den alltäglichen Erfahrungen der Menschen werden diese widersprüchlichen Verhaltensformen nicht als an der Person zerrende gegensätzliche Kräfte empfunden. (vgl. ebd.)

Mehr Privatleben als ökonomische Effizienzsteigerung

Eine zweite These geht davon aus, dass die Zunahme an Privatleben sich aus der ökonomischen Effizienzsteigerung ergab. Sie sei als Teil des Ertrags von ArbeitnehmerInnenseite eingefordert und von den ArbeitgeberInnen auch unter dem Vorzeichen gewährt worden, dass dadurch die Legitimität und auch Stabilität des ökonomischen Systems gewährleistet bleibt. „Die Rücksicht auf die Gefühle der Arbeitnehmer sei Teil einer allgemeineren Strategie des Kapitalismus zur Steigerung seiner Legitimität.“ (S. 26) Die Soziologin kritisiert an dieser Erklärung, dass hier vorausgesetzt wird, dass es die Ansprüche der ArbeitnehmerInnen bereits gibt, „als handle es sich um natürliche Forderungen moderner Akteure. Gerade die Tatsache aber, möchte ich dagegen behaupten, dass das emotionale und persönliche Leben zum Gegenstand moralischer Ansprüche geworden ist, bedarf der Erklärung, und zwar einer Erklärung, die mit unserem Grundverständnis der kapitalistischen Logik in Einklang steht“ (S. 27).

Illouz nähert sich der Beschreibung ihres Erklärungsvorschlages über die Arbeit von Viviana Zelizer. Diese versuchte zu zeigen, dass ökonomisches Kalkül und intime Beziehungen mitnichten einen Gegensatz bilden, finanzielle Transaktionen und Intimbeziehungen vielmehr gemeinsam hervorgebracht werden und sich gegenseitig stützen. Die Autorin will hier noch einen Schritt weiter gehen. „Der vorliegende Band bietet eine historisch einfachere und soziologisch belastbarere Hypothese an, um den fraglichen Prozess zu analysieren und zu erklären. Sie wird sowohl der historischen Dynamik einer sich ausweitenden kapitalistischen Produktion als auch der Tatsache gerecht, dass das Gefühlsleben für moderne Individuen enorm an Bedeutung gewonnen hat: Der Konsumkapitalismus hat Emotionen in zunehmenden Maß zu Waren gemacht, und dieser historische Prozess erklärt auch die Intensivierung des Gefühlslebens, wie sie in den ‚westlichen‘ kapitalistischen Gesellschaften seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, besonders deutlich aber in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zu beobachten ist.“ (S. 28f.)

Gefühle als Ware

Die leitende Idee, dass Gefühle zu Waren geworden sind, prägt auch das vorliegende Buch. Es fasst Ergebnisse einer Jerusalemer Forschungsgruppe zusammen und versucht sich an einer Ethnographie der Authentizität, das heißt jener kulturellen Strategie, deren sich moderne Individuen bedienen, um ihr – in einer Ontologie der Gefühle verankertes – Selbstverständnis zu konstruieren und zu begründen.

Zum Abschluss des Buches reflektiert Illouz über weitere Konsequenzen ihrer Theorien. Wenn Gefühle zu Waren werden, benötige man ein philosophisches Vokabular, um emotionale Erfahrungen zu kritisieren. Dies könnte man, wenn man ein authentisches Selbst mit einem seelischen Kern jenseits von gesellschaftlichen und kulturellen Konventionen bestimmten könnte. Diese Idee der Authentizität entwickelte sich im 19. Jahrhundert und wurde immer mehr zu einer Aufforderung, Normen und gesellschaftliche Rollen abzuschütteln. Der Kampf gegen ein falsches Selbst, für ein authentisches Leben trat in den Mittelpunkt. Und prompt wurde dieses Ringen um das Ich-Sein zu einem Markt. „Produktion und Konsum von Authentizität sind zu einem zentralen strukturierenden Vektor des emotionalen Konsums geworden“ (S. 275), schreibt Illouz. Sie vertritt die Auffassung, dass die Authentizität im Verlauf des Konsumierens von Gefühlswaren nicht „befreit“, „freigelegt“ oder „verwirklicht“, sondern in dem Prozess erst geschaffen wird. Dies geschieht in drei Dimensionen. Erstens wird versucht, Vergangenes zu rekonstruieren, was u.a. durch den psychoanalytischen Markt bedient werde. Zweitens erlebt man seine Authentizität als Gefühl bei bestimmten Erlebnissen und in Atmosphären, wie bei Urlauben, in Konzerten oder im Restaurant. Drittens kann Authentizität auch ein zukunftsorientiertes Projekt sein, worauf in Selbsthilfegruppen und anderen Angeboten der Selbstentdeckung hingearbeitet wird.

Ein Standardwerk für weitere Diskussion

Das Problem folgt auf dem Fuß. „Lässt sich Authentizität angesichts ihres Vermögens, das Selbst in diesen drei Zeitdimensionen zu formen, überhaupt noch kritisieren? Wenn Authentizität die hauptsächliche und zentrale bedeutungsvolle Praxis des Selbstseins durch Konsum ist, wie sollen wir sie dann kritisieren?“ (S. 277) Die Subjektivität habe „eine Ebene radikaler Immanenz erreicht, auf der Sinnhaftigkeit nicht mehr durch kollektive Bedeutungen, sondern durch ästhetische Objekte und Erfahrungen gestiftet wird, in denen die Sinne und Gefühle selbstreferentiell geworden sind und als treibende Kräfte der Subjektivierung fungieren, als Ausgangspunkte subjektiver emotionaler Erfahrungen.“ (S. 285)

Illouz legt in dem Buch nahe, dass Gefühle nicht innerlich oder psychologischer Natur sind. Vielmehr seien Gefühle Ausdruck sozialer Beziehungen, die durch Dinge, Situationen, Räume, Atmosphären und sinnliche Reize vermittelt werden. „Wenn wir aber die Kausalkette eines Ereignisses oder einer Eigenschaft der Subjektivität auf eine Kette von Ursachen zurückführen, so bewirkt dies doch kritische Effekte, wie ich es nennen möchte, weil die zeitgenössische Subjektivität als eine sui generis konzipiert ist, als selbsterzeugt.“ (S. 287) Ein Standardwerk für die Diskussion über unsere Gegenwart.       

Von Stefan Wally

Bei Amazon kaufenWa(h)re Gefühle. Authentizität im Konsumkapitalismus. Hrsg. v. Eva Illouz, Berlin: Suhrkamp, 2018. 332 S., € 22,- [D], 22,70 [A] 

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