Die Macht des Heiligen

Die-Macht-des-Heiligen-Hans-JoasEine Alternative zur Geschichte der Entzauberung:

Hans Joas geht es in seinem neuen Buch „Die Macht des Heiligen“ um die Abwehr teleologischer Geschichtskonstruktionen. Konkret zielt er auf die Idee der „Geschichte als Entzauberung“ ab, die eine Entwicklung der Welt von magischen, religiösen zu wissenschaftlichen Handlungsbegründungen beschreibt. Er sieht in dieser geraden Linie der Erzählung die Gefahr, dass der Blick für die empirische Vielfalt der Phänomene verloren gehe.

Der Geschichte der fortschreitenden Entzauberung hält er die Idee der kollektiven Selbstsakralisierung entgegen. Zuerst skizziert Joas ein Bild, das Religion auf historisch-menschliche Erfahrungen von etwas, das als heilig empfunden wird, zurückzuführt. Wichtig ist ihm dabei, dass diese Erfahrungen nicht individualistisch verengt, sondern als in Praktiken verankert gesehen werden. Diese Geschichte ist eng verbunden mit Elementen der Macht. Was aber ist Selbstsakralisierung?

Hans Joas über Selbstsakralisierung

Die Theorie der Sakralisierung geht von einer Theorie des Handelns aus, die der philosophischen Schule des Pragmatismus verbunden ist. Die Beziehungen des Menschen als Organismus zu seiner Umwelt seien zutiefst geprägt von seinen Aktivitäten. „Grundlegend ist nämlich die Idee, daß der Organismus Mensch in seinem Bezug zur Umwelt Problemspannungen erlebt, die bewältigt werden müssen, und daß dies der jeweilige Ausgangspunkt für neue Handlungsvarianten wird, die dann erneut ins routinierte Handlungsrepertoire Eingang finden.“ (S. 426) Wichtig ist dabei, dass durch dieses Verständnis Wahrnehmung und Erkenntnis als Phasen des Handelns aufgefasst werden. Das Setzen von Zwecken geschieht nicht in geistigen Akten außerhalb von Handlungssituationen, sondern ist Resultat einer situativen Reflexion, auf die in unserem Handeln immer schon wirksamen, vorreflexiven Strebungen und Gerichtetheiten. Menschliches Handeln werde dadurch von einem Zweck-Mittel-Schema in komplexere Vorgänge umgedeutet, was Raum gibt für einen Umgang mit Problemen, der spielerischen Charakter haben kann. Handlungsbahnen können zumindest imaginär verlassen, neue Brückenschläge zwischen den eigenen Handlungstendenzen und den objektiven Gegebenheiten der Welt können spielerisch oder experimentell unternommen werden. (vgl. S. 427) Aus dieser Art des (kreativen) Handelns konstituiere sich ein „Selbst“. Da dies in einem Prozess geschehe, ist nicht an einen biographischen Endpunkt zu denken. Menschen versuchen das Selbst, das hier entsteht, zu stabilisieren.

Dann verweist Joas auf Situationen, in denen es zu Erschütterungen der symbolischen Grenzziehungen, die das Selbst ausmachen, kommt. „Für diese Erschütterungen – im positiven wie im negativen Fall – verwende ich den Begriff Selbsttranszendenz.“ (S. 431) Es geht dabei um Erfahrungen, die eine fundamental passive Dimension aufweisen – um Erfahrungen nicht des Ergreifens von Handlungsmöglichkeiten, sondern des Ergriffenwerdens etwa durch Personen oder Ideale. In diese Kategorie sortiert Joas Erfahrungen des Verliebens und der Liebe, der Öffnung des Selbst im gelingenden Dialog oder im erschütternden Mitleid sowie euphorischer Entgrenzungserfahrungen in der Natur, neben den Erfahrungen kollektiver Ekstase. „Auch religiöse Erfahrungen, die nicht einfach eine religiöse Interpretation allgemein zugänglicher Erfahrungen sind, sondern Glauben voraussetzen – ich nenne solche Erfahrungen ‚sakramentale Erfahrungen‘ – haben hier ihren Platz.“ (S. 432f.) Diese passive Dimension des Ergriffenwerdens in den Erfahrungen der Selbsttranszendenz sei notwendig die Erfahrung von ergreifenden Kräften. Das „Heilige“ ist bei Joas nun eine Qualität, die den ergreifenden Kräften zukommt (und nicht mit dem Guten identisch ist). Nur wenn diese Erfahrung ethisiert wird, der ideale Gehalt sich in artikulierter Form von der vorreflexiven Einstellung abstrahieren lässt, spricht Joas von Idealbildung.

Artikulation und Deutung von Erfahrung

In der Artikulation und der Deutung der Erfahrung kommt es in Kollektiven zu unterschiedlichen Interpretationen. „Wir bewegen uns zwischen den unabhängig von uns bestehenden Gegebenheiten einer Situation, unserer ganzheitlichen Erfahrung dieser Situation, unserer eigenen gegenwärtigen Deutung unserer Erfahrung sowie öffentlich etablierten Deutungen immer wieder hin und her.“ (S. 436) Die Erfahrungen bedürfen freilich der Artikulation mit Sprache oder eher Symbolen, meint Joas. Logischerweise führt dies zu Auseinandersetzungen über diese Symbole und Begriffe. Joas behauptet in seinem Buch „die anthropologische Universalität der Erfahrungen der ‚Selbsttranszendenz‘ und der sich daraus ergebenden Zuschreibungen von ‚Heiligkeit‘“ (S. 440).

Nachdem Joas diese Prozesse der Sakralisierung in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt, kombiniert er sie mit der Geschichte der Macht. Die Macht des Heiligen zeige sich bei der Rechtfertigung wie bei der Infragestellung politischer und sozialer Macht, weil die Bindung der Menschen an das von ihnen erfahrende Heilige eine ihrer stärksten Motivationsquellen darstelle. (S. 20) Die Alternative zur Geschichte der Entzauberung müsse das Wechselspiel von den vielfältigen Prozessen der Sakralisierung mit vielfältigen Prozessen der Machtbildung sein, und nicht etwa die Geschichte der Wissenschaft oder des Erkenntnisfortschritts der Menschheit. (vgl. S. 445)

„Die Kontingenz dieses Wechselspiels verbietet es, angesichts der Möglichkeit immer neuer Prozesse der Sakralisierung und Idealbildung auf einen geschichtsübergreifenden Prozeß der Entwertung aller Sakralitäten und Ideale oder eine Erstickung der Möglichkeit zur Neuentstehung von Idealen zu schließen. Der Begriff der Sakralisierung bezeichnet eben nicht einen einheitlichen welthistorischen Prozeß, sondern eine unüberschaubare und unprognostizierbare Vielfalt solcher Prozesse.“ (ebd.)

Das Denken des katholischen Soziologen Joas ist ein wichtiger und vor allem kreativer Bezugspunkt der gegenwärtigen Diskussion über den Charakter gesellschaftlicher Entwicklungen.

Von Stefan Wally

Bei Amazon kaufenJoas, Hans: Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte der Entzauberung. Berlin:  Suhrkamp, 2017. 543 S., € 35,- [D], 36,- [A] ; ISBN 978-3-518-58703-4

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