Ökonomie der Lebensfülle

Ökonomie der Lebensfülle

Konkrete Vorschläge vor allem für eine regionale Einbettung des Wirtschaftens, macht der Geograph Wolfgang Höschele in seiner „Grundlegung für eine Ökonomie der Lebensfülle“. Diese zielt auf die Befriedigung der elementaren Lebensbedürfnisse in einer in die Gesellschaft eingebetteten Ökonomie. Als Bestandteile hierfür beschreibt der Autor Genossenschaften, die Rückkehr zu Commons, also von menschlichen Gemeinschaften gehegte gemeinsame Güter, und – wie Hickel – den Ausbau des öffentlichen Sektors. Höschele plädiert für einen neuen Eigentumsbegriff; so sollen Mietwohnungen nach einer bestimmten Zeit in den Besitz der Mietenden übergehen (Anm.: Das Konzept „Miet-Kauf“ geht in diese Richtung). Ähnliches schwebt ihm für Unternehmensanteile vor: Gewinne sollten zeitlich begrenzt, Unternehmen nicht vererbt werden. Gemeingüter wie eine intakte Umwelt sollen – hier zitiert der Autor Peter Barnes – durch Kollektivregelungen geschützt werden: Unternehmen und Verbraucher zahlen Abgaben nach dem Verursacherprinzip, der Erlös wird an alle Bürger und Bürgerinnen rückerstattet, weil sie ja Eigentümer der Gemeingüter seien. Vorstellbar ist für Höschele auch ein selbstbestimmter Gemeinwohldienst (SGD), den er einem bedingungslosen Grundeinkommen vorzieht: Jeder legal im Land lebende Mensch könnte eine gemeinwohlorientierte Arbeit leisten, „nach Bewilligung des Antrags würde er von einer staatlichen oder gemeinnützigen Einrichtung für diese Arbeit bezahlt“ (S. 211).

Nicht zuletzt macht der Autor Vorschläge für eine Reform des Finanzwesens. Er plädiert für den Übergang zum vom Staat geschöpften Vollgeld (Anm.: worüber in der Schweiz demnächst eine Volksabstimmung stattfindet).

Höschele setzt auf systematische Rückkoppelungen

Höschele ist sich bewusst, dass seine Vorschläge manchen Linken zu wenig radikal seien, denen eine solidarische, Markt und Eigentum abschaffende Wirtschaft vorschwebt, Konservativen aber viel zu weit gehen. Widerstand ist hingegen in der Tat eher von Zweiteren zu erwarten. Der Autor setzt dabei auf systemische Rückkoppelungen. Veränderungen führen demnach zu sich selbst verstärkenden Effekten. Höschele erklärt dies am Beispiel des Energiemarktes. Durch die mittlerweile zahlreichen dezentralen Genossenschaften im Bereich Erneuerbarer Energien würden Macht und Einfluss der großen Energiekonzerne sukzessive schwinden, was die Energiewende beschleunigt. Hans Holzinger

 

Bei Amazon kaufenHöschele, Wolfgang: Wirtschaft neu erfinden. Grundlegung für eine Ökonomie der Lebensfülle. München: oekom, 2017. 254 S., € 29,95 [D], 30,80 [A] ISBN 978-3-96006-174-8

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