Degrowth in Bewegung(en)

Degrowth

Die Vielfalt an Ansätzen und Initiativen eines postkapitalistischen Wirtschaftens vermittelt ein vom Konzeptwerk Neue Ökonomie in Kooperation mit dem DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften der Universität Leipzig herausgegebener Band. „32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation“ – so der Untertitel des Buches – werden vorgestellt: sie reichen von der „Anti-Kohle-Bewegung“ und der NGO „attac“ über eine „Care-Revolution“ sowie die „Commons-Bewegung“ bis hin zu „Transition-Initiativen“ und „Urban Gardening“. Neue Theorieansätze wie „Plurale Ökonomie“ oder „Buen vivir“ stehen neben praktischen Alternativen, etwa dem Ansatz von „Ernährungssouveränität“, der „Gemeinwohlökonomie“ oder dem „Recht auf Stadt“. Lokale Initiativen wie „Ökodörfer“ oder die Datensammlung „Futur zwei“ finden ebenso Raum wie klassische Reformansätze (etwa in einem Kapitel über Gewerkschaften) oder radikal neue Perspektiven (etwa das Plädoyer für ein Grundeinkommen oder die von Italien ausgehende Demonetarisierungsbewegung). 

Die HerausgeberInnen Corinna Burkhart, Matthias Schmelzer und Nina Treu betonen, gerade in der Vielfalt an Ansätzen liege die Stärke der Bewegung. Neben alternativen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodellen seien auch ganz praktische „Reallabore“ (S. 13) eines kooperativen Wirtschaftens nötig. Wichtig bei allen Unterschieden sei der gesellschaftsverändernde Anspruch. Soziale Bewegungen werden in diesem Sinne charakterisiert als „gemeinsam handelnde AkteurInnen“ mit einer „kollektiven Identität“, die „in hohem Maße informell vernetzt“ sind und sich „in konflikthaften Beziehungen mit klar identifizierbaren Gegnern“ befinden (S. 13).

Bunte Szene von Initiativen

Der Band bietet eine Bestandsaufnahme über die in Nischen wachsenden Neuansätze eines Wirtschaftens und Lebens jenseits des Konkurrenzprinzips und Konsumparadigmas. Ob daraus gesellschaftswirksame Bewegungen entstehen können – wie etwa in der Studentenbewegung der 1968-Jahre und den dieser folgenden Anti-Atom, Frauen-, Friedens und Umweltbewegungen der 1980er – ist nicht ausgemacht. Noch überwiegt das Nischendasein. Kollektive Mobilisierung findet derzeit vielmehr bei den Rechten statt. Neue Bündnisse einer kollektiven Linken sind freilich überfällig. Jedenfalls blüht eine bunte Szene von Initiativen, die dem Konsum- und Konkurrenzkapitalismus eine Absage erteilen – vielleicht ähnlich jener der 1970er-Jahre, die Robert Jungk damals in seinem „Jahrtausendmensch“ beschrieben hatte.

Von Hans Holzinger

Bei Amazon kaufenDegrowth in Bewegung(en). 32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation. Hrsg. Vom Konzeptwerk Neue Ökonomie & DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften. München: oekom, 2017. 414 S., € 22,95 [D], 23,60 [A] ; ISBN 978-3-86581-852-2

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