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Terry Eagleton und MaterialismusDer Marxist und Literaturtheoretiker Terry Eagleton legt in diesem, kürzlich auf Deutsch erschienen Buch seine materialistische Grundposition dar. Gleichzeitig grenzt sich der Autor vom Materialitäts- und Körperverständnis postmoderner und poststrukturalistischer Theorien ab, die heute im links-akademischen Spektrum als „Mainstream“ gelten. Diese zählen zum Theorieinventar einer „kulturellen Linken“ – wie sie Eagleton polemisch nennt –, die bereits in den 1980er Jahren „betreten über den Gegenstand des Kapitalismus schwieg“ (S. 9) und die heute nahezu inflationär von „Körperlichkeit“ spricht.

Im ersten Kapitel stellt Eagleton klar, dass es nicht den Materialismus gibt. Vom „kühlen“ Materialismus, der alles Lebende und alles Geistige auf Mechanistisches reduzieren will, bis hin zum Vitalismus, der auch in Gegenstände Leben und Geist hineinprojiziert, scheint alles möglich zu sein. Der Autor plädiert für einen klaren und marxistisch inspirierten Standpunkt, der den Menschen als naturhaftes Wesen betrachtet, jedoch – ungleich postmoderner Spielarten des Materialismus – Differenzen zwischen Menschen und leblosen Gegenständen sowie Tieren nicht einebnet. Menschen sind Teil der Natur und damit abhängige Wesen, aber gleichzeitig zu Autonomie fähig. Autonomie ist ein „Umgehen“ mit Abhängigkeit, d.h. durch Abhängigkeiten bedingt; ansonsten käme autonomes Handeln zufälligem Verhalten gleich. Abhängigkeiten machen uns als materielle Wesen verletzlich, aber nur in der Auseinandersetzung mit ihnen kann etwas Neues und Produktives entstehen. „Weil wir Fleischklumpen einer speziellen Sorte sind, sind wir auch dazu fähig, als Träger der Geschichte aufzutreten.“ (S. 31)

Gegen jeglichen Dualismus

Genau dieser „Fleischklumpen“ ist für Eagleton von besonderem Interesse. Der Autor stellt sich jeglichem Dualismus, wie z.B. jenem zwischen Geist bzw. Leben und Materie, entgegen. Leben ist für ihn stets materiell realisiert. Auch den Dualismus zwischen „Subjektivem“ und „Objektivem“ unterzieht er einer kritischen Reflexion. Mit Wittgenstein kommt er etwa zum Schluss, dass der lebende Körper gleich der Seele ist und umgekehrt. In jeder Bewegung und in jedem Gefühlsausdruck wird das Seelische des Körperlichen offenbart. Blickt man in ein vor Angst verzerrtes Gesicht, erlebt man den Geist sozusagen in vivo. Auch Bedeutung ist mit dem Materiellen enger verknüpft als wir – geprägt vom cartesianischen Dualismus – landläufig annehmen. Die Bedeutungen von Gesten ergeben sich aus der Praxis, aus dem Tun. Die materielle Lebensform und unsere Körperlichkeit veranlassen und prägen unser Denken. Auch die Vernunft ist nichts Abstraktes und vom HimmelGefallenes. Sie gründet sich in unserem Streben nach Glück und Wohlbefinden, welches nur durch konkretes Handeln verwirklicht werden kann. „Eine Rationalität, die nicht in einer praktischen, sinnlichen Existenz geerdet ist, ist nicht einfach mangelhaft: Sie ist ganz und gar nicht rational.“ (S. 68)

Körper als Ausgangspunkt für theoretisches und politisches Denken

Mit Marx führt Eagleton aus, dass zwischen dem Postulat der Geschichtlichkeit sowie Veränderbarkeit des Menschen und dem Glauben an Eigenschaften, die dem Menschen überdauernd anhaften, also „natürlich“ sind, kein zwingender Widerspruch besteht. Der Mensch ist sowohl Kultur- als auch Naturwesen, wobei „[i]n den Augen von Marx […] die Natur grundlegender als die Geschichte“ (S. 84) ist. Eine überdauernde Eigenschaft des Menschen ist etwa die, dass er für seine Reproduktion die Natur verändern, sprich arbeiten muss. Diese Tatsache schließt jedoch nicht aus, dass Menschen „historische Geschöpfe sind“ (S. 81). Im vierten Kapitel bezieht sich Eagleton v.a. auf Nietzsche und kontrastiert diesen mit Marx. Obwohl beide sehr unterschiedliche Vorstellungen über eine „ideale“ Gesellschaft haben, gehen sie davon aus, dass Zivilisation – bei Marx die kommunistische Gesellschaft – nur über die Inkaufnahme von Leid, z.B. durch Ausbeutung, zu realisieren ist. Während diese Erkenntnis für Marx jedoch „tragische Wahrheit“ ist, dient sie für Nietzsche für die „Rechtfertigung des Bösen“ (S. 126). Im letzten Kapitel geht der Autor u.a. darauf ein, dass unser Denken, unsere Sprache und unser Wissen in unseren Körpern und in unseren Lebensformen wurzeln. So ist in unserer Körperlichkeit Wissen verankert, das blind abgerufen und „ausagiert“ werden kann. Wir können uns mit anderen verständigen, weil wir dieselbe körperliche Konstitution und eine ähnlich ausgestattete Innenwelt aufweisen.

Insgesamt gelingt es Eagleton eine materialistische Position zu formulieren, die den Körper als Ausgangspunkt für theoretisches sowie politisches Denken ausweist. Eine Theorie dieser Form kann die Vielschichtigkeit menschlicher Lebensäußerungen integrieren, ohne dabei einem Dualismus zu verfallen. Dominik Gruber

 

Bei Amazon kaufenEagleton, Terry. Materialismus. Die Welt erfassen und verändern. Wien: Promedia, 2018. 192 S., € 17,90 [D], 18,40 [A] ; ISBN 978-3-85371-433-1