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Robert Pfaller und ErwachsenenspracheRobert Pfaller ist Professor an der Kunstuniversität Linz und längst bekannt als Kritiker dessen, was viele „Identity Politics“ nennen. Sein Buch „Erwachsenensprache“ führt die Kritik (weiter) aus.

Seine Argumentation beginnt mit dem Hinweis auf die (vorsichtig formuliert) Gleichzeitigkeit des Beginns der Defensive des Wohlfahrtsstaates und dem Bedeutungsgewinn postmoderner Identitätskonzeptionen. „Die postmodernen Politiken der kleinen Unterschiede sind keine Folge der durch das moderne Versprechen von Gleichheit geweckten Sensibilitäten. Es verhält sich vielmehr umgekehrt: Die postmodernen Politiken wurden ausgerufen, als die hegemonialen Gruppen die Versprechen der Moderne von Gleichheit preisgaben. In dem Moment, als sich die Einkommensunterschiede wieder dramatisch verschärften und gleiches Recht für alle von den neoliberalen Eliten nicht einmal mehr als Utopie festgehalten wurde, entstand die Propaganda unterschiedlichen Rechts für Diverse.“ (S. 25)

Diese Politiken habe sich auch die Sozialdemokratie zu Eigen gemacht. Mit Tony Blair und Gerhard Schröder habe man sich Regierungsämter um den Preis erkämpft, auf die Ausgleichung von Klassenunterschiede zu verzichten. Man verlagerte die Agenda auf „Frauenpolitik statt Klassenpolitik, und da lieber auf Politik für Homosexuelle oder Queers als Frauenpolitik und überhaupt am liebsten ‚diversity‘“ (S. 41). „Diese Fehleinschätzung beziehungsweise Fehldeklaration von postmoderner Pseudopolitik als linke Politik ist es, die gegenwärtig massenhaft ehemalige sozialdemokratische Stammwähler ins Lager der neuen Rechten (oder auch in das immer größer werdende der Nichtwähler) überlaufen lässt.“ (S. 41f.)

Diese „Identity Politics“ haben keine guten Karten bei Pfaller: Benachteiligte aller Missstände der Missachtung von Identitäten behandle man seitdem so, als ob sie keine anderen Sorgen hätten, als mit einem speziellen, meist zartbesaiteten Namen bezeichnet zu werden. In einer Art von magischer Weltauffassung behaupte die mit solchen Maßnahmen betraute Bürokratie, dass mit den besseren Namen auch bessere Tatbestände herbeigeführt werden könnten (S. 164).

„safe space“ als Konzept

Die Akzeptanz der anderen Identität steht für Pfaller durchaus zur Disposition. Er erklärt dies anhand der vom Komiker Sacha Baron Cohen entwickelten idiotischen Figuren „Ali G“ und „Borat“. Diese werden in den Filmen in aller Regel von ihren Gegenüber geduldig „akzeptiert“. „Wenn man den anderen so behandelt, als ob er nichts anderes wäre als seine idiotische Identität (…), dann ist man buchstäblich rassistisch. Der postmoderne Rassismus besteht darin, den anderen auf dessen bloße Identität zu beschränken, mithin nicht das Geringste von ihm zu erwarten und ihn zum Idioten zu homogenisieren –   zum kulturfernen Kasachen; zum unendlich dummen Rapper; oder zum pornographischen Unterschichtler , zum bildungsfernen Studierenden, (…).” (S. 173)

In einer Schlüsselstelle des Buches setzt sich Pfaller mit der Idee der Inklusion sowie der Idee der Universität als „safe space“ auseinander, in der die Empfindungen der Beteiligten zu berücksichtigen seien. Bekannt sind die Überlegungen, zumindest „trigger-warnings“ auszusprechen, wenn Dinge gezeigt oder angesprochen werden, die bei Anwesenden Auslöser von Traumatisierungen sein könnten. Für Pfaller wird hier deutlich, dass Inklusion Auswirkung auf das Sagbare hat. Und er meint deswegen: „Inklusion, wörtliche Einschließung, ist das genaue Gegenteil des Prinzips der Offenen Gesellschaft.“ (S. 50)

Diese postmoderne Toleranz und das Nicht-Angreifen von Identitäten sei dabei „jene Bereiche der Gesellschaft zu zerstören, in denen ohne Ansehen der Person gesprochen und gehandelt werden kann.“ (S. 203).

Erwachsenensprache als Haltung

Er hält diesem wechselseitigen Schutz durch Zurückhaltung die „Erwachsenensprache“ entgegen. Das sei eine Haltung, erklärt Pfaller, die bedeutet, „manche Unanehmlichkeiten oder Übel ebenso als notwendige Begleiterscheinungen des Lebens zu erkennen wie die eigenen Möglichkeiten, sie zu ertragen oder zu überwinden. Nur auf diesem Weg lassen sich von diesen Übeln andere unterscheiden, die im sozialen Leben bewältigt werden müssen und für die die Politik zuständig ist” (S. 10).

„Das entscheidende politische Problem der nächsten Zukunft westlicher Gesellschaften wird die Frage sein, ob die Empörung und Verzweiflung der aufgrund neoliberaler Politik um elementare Lebensstandards gebrachten und zunehmende verarmenden Bevölkerungsgruppen einen Ausdruck finden kann – und zwar einen anderen als jenen, den rechtspopulistische Parteien ihr geben wollen.“ (S. 202) Solange aber postmoderne Identitäts-Politik die Politik der Gleichheit überdecke, werde man keinen Erfolg haben, dass jemand anderer als Rechtspopulisten diese Antwort geben. Stefan Wally

 

Bei Amazon kaufenPfaller, Robert: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Frankfurt/M.: Fischer, 2018. 247 S., € 14,99 [D], 15,50 [A] ISBN 978-5-596-29877-8

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