Die letzte Stunde der Wahrheit

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Nassehi-Die-letzte-Stunde-der-WahrheitArmin Nassehi ist Soziologe an der LMU in München und seit 2012 Herausgeber des Kursbuches. In dem Buch „Die letzte Stunde der Wahrheit“ will er uns helfen, mit der Komplexität unserer Gesellschaften zurande zu kommen. Die moderne Gesellschaft in ihrer ganz eigenen Form der Komplexität sei davon geprägt, „dass es keinen Ort gibt, von dem her man sie konkurrenzlos und gültig beschreiben kann. Mehr noch: Sie kennt keinen Ort, der es ermöglicht, auf die Gesellschaft zuzugreifen. Man kann nicht durchregieren, man muss vielmehr lernen, dass sich die Gesellschaft dem regulierenden Zugriff schon deswegen entzieht, weil Unterschiedliches gleichzeitig abläuft und nirgendwo ein Hebel zu finden ist, von dem her sie wirklich beeinflusst werden kann. Und das gilt folgerichtig auch für ihre Beschreibung“ (S. 9). Vereinfachte Antworten auf die Herausforderungen einer komplexen Realität bringen uns nicht weiter. Der Populismus ist für Nassehi auch aus der Komplexität der Gesellschaften zu erklären. Er sei „gewissermaßen der natürliche Gegner eines komplexitätssensiblen Denkens” (S. 22).

In weiterer Folge will der Autor„eine Denkungsart bereitstellen, die dazu verhilft, die richtigen Fragen zu stellen. Ich bin davon überzeugt, dass uns die Lösung der anstehenden Probleme nur mit einem Paradigmenwechsel gelingen wird, nur mit der Umstellung unserer Denkungsarten auf ein vernetztes Denken, für das uns manchmal die Kategorien, vor allem aber die Ausdrucksformen fehlen“ (S. 5). Er zeigt sich verwundert, dass bei dieser Aufgabe noch so viel zu erledigen ist. „Warum gibt es keine Beschreibungstradition für Komplexität, also für ein Phänomen, das sich der Gestaltungsmöglichkeit durch einen souveränen Konstrukteur geradezu entzieht? (…) Es geht darum, eine Sprecherposition zu entwickeln, die eben nicht der präskriptiven Selbstüberschätzung auf den Leim geht.“ (S. 19) Der einzige Appell sei tatsächlich der: „Problemlösungstools und Versuche der Einwirkung in komplexe Dynamiken und Prozesse sollten mit dem Problem der Komplexität rechnen und darin eine neue Form der Expertise entdecken.  Diese muss heute wohl die moderierende Expertise sein, die die Multiplizität von Expertisen erkennt, auch das Faktum, dass es keine letzten Lösungen gibt.“ (S. 201)

Komplexität ist für Nassehi nicht fragil

Damit klingt bereits an, dass Nassehi vergleichsweise entspannt mit unseren geringen Erfolgen im Umgang mit Komplexität zurechtzukommen versteht. Der Grund liegt darin, dass er Komplexität nicht als etwas Fragiles sieht. „Die gesellschaftliche Moderne ist durch eine wirklich kuriose Eigentümlichkeit geprägt: Gerade aufgrund ihrer Struktur verteilter Intelligenz und gerade wegen ihrer Komplexität und Dynamik ist sie letztlich durch so etwas wie Zugriffe und Eingriffe kaum aus der Ruhe zu bringen, eben weil jeglicher Zugriff immer von einer konkreten Position aus erfolgt und die Fantasie ihrer Umgestaltung und Kritisierbarkeit kaum Adressaten findet.” (S. 186) Diese eigene Kraft zeige sich auch darin, dass Komplexität mit Pluralität zusammenzuhängen scheint.

All diese Beispiele weisen für Nassehi auf die Selbstanpassung moderner Gesellschaften an Komplexität und Perspektivendifferenz hin. Sie alle seien Belege dafür, wie sich unterschiedliche Sprecher etablieren, vor allem aber: wie die Gesellschaft die Unterschiedlichkeit der Perspektiven zu entdramatisieren, in Form zu bringen und damit umzugehen versuche (vgl. S. 206). Stefan Wally

 

Bei Amazon kaufenNassehi, Armin: Die letzte Stunde der Wahrheit. Kursbuch.edition. Hamburg: Murmann, 2017. 215 S., € 20,- [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-946514589.

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