Deutschland neu denken

Deutschland neu denken. Acht Szenarien für unsere ZukunftViele verstehen Zukunft als eine Verlängerung der Gegenwart, als ein „Weiter so wie bisher“. Was dabei fehlt, sind Bilder möglicher und lebenswerter Zukünfte. Die grundsätzliche Frage lautet: wie wollen wir künftig leben und arbeiten? Deshalb haben Zukunftsforscher wie Klaus Burmeister, Alexander Fink, Beate Schulz-Montag und Karlheinz Steinmüller die Initiative „Deutschland 2030 – eine Landkarte für die Zukunft“ gegründet und damit erste Grundlagen für einen umfassenden Zukunftsdiskurs erarbeitet. In einem mehrstufigen Prozess wurden acht mögliche Zukünfte für Deutschland herausdestilliert. Die Ergebnisse dieses unter Beteiligung von Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft stattfindenden Prozesses liegen auf dem Tisch.

Zentrale Zukunftsthemen sind Alternativen der Arbeitsgesellschaft (experimentelle Gestaltungsprojekte für neue Arbeitsmärkte), eine Mobilitätswende mit postfossilen Antrieben (nachhaltige und vernetzte Mobilität), ein klares Regelwerk für die Digitalisierung (innovative Umsetzungsformen für eine zukunftsoffene Gesellschaft) und eine Abkehr davon, Wachstum als einzigen Gradmesser für Wohlstand zu begreifen.

Deutschland neu denken: Vier Grundszenarien

Der Blick auf Details zeigt vier Grundszenarien: 1) „Spurtreue Beschleunigung“ beschreibt eine Zukunft im globalen Gleichschritt, in der kaum Raum für Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Solidarität bleibt. Innerhalb dieses Szenarios werden wiederum drei Varianten („Abstiegs-“, „Spaltungs-“ und „Wohlfühlszenario“) entwickelt. Das „Abstiegsszenario“ sieht Deutschland als Verlierer der digitalen Transformation; es geht mit massiven Wohlstandsverlusten einher. Im „Spaltungsszenario“ kommt es trotz wirtschaftlicher Erfolge zu Einschränkungen politischer Spielräume vor allem aufgrund der Macht globaler Konzerne. Im „Wohlfühlszenario“ wird eine Neuauflage des Wirtschaftswunders beschrieben, d. h. der ungebremste Konsum geht auf Kosten von Umwelt und Gesundheit. 2) Im Szenario „Neue Horizonte“, favorisiert von den AutorInnen, bleibt Deutschland ein global orientiertes und offenes Land, setzt sich aber stärker für Nachhaltigkeit und gemeinschaftliche Werte ein. Auch hier werden drei (Sub-)Szenarien herausgearbeitet. Zum einen ergeben sich mehr Spielräume für die Zivilgesellschaft, zum anderen wird die Zuwanderung als Chance begriffen; zudem kommt es zu einer Renaissance des sich in der Politik organisierenden Gemeinwesens. 3) Das Szenario „Abkopplung“ beschreibt „eine Zukunft, in der Gemeinwohl und Nachhaltigkeit in einer deglobalisierten und entschleunigten Welt umgesetzt werden“ (S. 82). Dieses „Verzichts-Szenario“ ist geprägt von der Abkehr vom Wachstumsparadigma, von der Entkopplung von Arbeit und Einkommen sowie von der hyperdynamischen Weltwirtschaft. 4) Das Szenario „Alte Grenzen“ beschreibt schließlich eine rückwärtsgewandte Welt, in der sich Menschen, Länder und Regionen immer mehr zurückziehen. „Wir erkennen heute viele Signale, die offenbar in diese Richtung weisen: Das ‚America First‘ eines US-Präsidenten Donald Trump, den Brexit oder die national-populistischen Bewegungen in Europa.“ (S. 89)

Die AutorInnen sind weit davon entfernt, einem Masterplan oder einer Gesamtstrategie das Wort zu reden. „Unser Vorschlag ist der Eintritt in einen kontinuierlichen Zukunftsdiskurs als Grundlage für eine gemeinsame Gestaltung der Zukunft.“ (S. 9) Das ist spannend, lesenswert und anregend gelungen. In den einzelnen Szenarien finden sich viele Ideen dafür, wie Deutschland im Kontext Europas künftig aussehen könnte. Alfred Auer

 

Bei Amazon kaufenDeutschland neu denken. Acht Szenarien für unsere Zukunft. Burmeister, Klaus … (Mitarb.). München: oekom, 2018. 246 S., € 24,- [D], 24,70 [A] ISBN 978-3-96238-018-2

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