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Anthony Atkinson über Ungleichheit

Anthony B. Atkinson ist einer der weltweit führenden Forscher zur Ungleichheit. Thomas Piketty bezog sich auf ihn, als er sein vielzitiertes Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ verfasste. Jetzt liegt Atkinsons Werk „Ungleichheit: Was wir dagegen tun können“ auf Deutsch vor. Wie der Titel bereits nahelegt, konzentriert sich der britische Ökonom nicht nur auf eine Beschreibung von Ungleichheiten und ihre Entwicklung. Er legt darüber hinaus ein Programm vor, wie diese Ungleichheiten reduziert werden könnten. Er macht dies locker, rational, Tabubrüche vollzieht er nonchalant nebenbei.

In der Literatur zur Ungleichheit wird allgemein darauf verwiesen, dass diese vor allem seit den 80er-Jahren wieder zunimmt. Davor habe es eine Periode gegeben, in der in den Industriestaaten Disparitäten reduziert wurden. Ähnliches wird auch für die Zeiten des zweiten Weltkrieges und für einige Länder im ersten konstatiert. Auch in Lateinamerika reduzierte sich in der letzten Dekade die Ungleichheit. Der Grund war jeweils „eine Mischung aus verringerter Ungleichheit der Markteinkommen und effektiverer Umverteilung“ (S. 146)

Atkinson entwickelt in der Folge Vorschläge, wie, gestützt auf diese Erfahrungen, Ungleichheit heute reduziert werden könnte. Er warnt davor, sich allein auf die Ungleichheit der Arbeitseinkommen zu konzentrieren. Die Ungleichheit bei Kapitaleinkommen müsse ebenfalls berücksichtigt werden, genauso wie die Effekte von Technologien.

Erben als Grundkapitalausstattung

Einen spannenden Bereich stellen seine Überlegungen zu Erbschaften dar. Hier schlägt er vor, dass jeder erben sollte. Mit dem Erreichen eines bestimmten Alters sollte jede Bürgerin und jeder Bürger eine Summe erben, die nicht zur Verschwendung einlädt. Der Betrag sollte vielmehr eine Grundkapitalausstattung sein, die den Start für neue Projekte oder die Bildung von Grundsicherheiten erlaubt. Natürlich sollte dies durch die Besteuerung von Erbschaften finanziert werden. Atkinson regt eine Besteuerung aller Vermögenszugänge an. Hierbei sollen Erbschaften und Schenkungen kumuliert die Bemessungsgrundlage bilden und ein Steuersatz nach einem steuerfreien Grundniveau greifen.

„Politische Entscheidungsträger sollten sich besonders der Richtung des technischen Wandels widmen, indem sie Innovation fördern, die den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern und der menschlichen Dimension der Dienstleistungserbringung Vorrang einräumen.“ So lautet ein weiterer Vorschlag. Hier kommt die Forderung Atkinsons zum Ausdruck, Fragen der Technik in der Diskussion der Ungleichheit stärker zu berücksichtigen. Warum investieren wir so viel Geld in die Entwicklung von Technologien, die den Menschen durch Maschinen ersetzen? Der Grund ist die Reduzierung der nötigen Arbeitskraft, die auf Kapitalseite mit besseren Erträgen zu Buche schlägt. Wäre es nicht klug, Geld auch in die Entwicklung von Humandienstleistungen zu investieren, durch die menschliche Tätigkeiten nicht ersetzt, sondern verbessert werden? (S. 151f.)

Ungleichheit und Wirtschaftswachstum

Atkinson bestreitet, wie die Mehrzahl der AutorInnen zu dem Thema, dass es einen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wirtschaftswachstum gibt. „Die kurze Zusammenfassung lautet, dass eindeutige Beweise fehlen. … Die prinzipielle Erwartung, es gebe einen unvermeidlichen Konflikt zwischen Gleichheit und Effizienz, beruht nicht auf einer sorgfältigen Prüfung der zugrundeliegenden Annahmen.” (S. 36)

Sind aber nicht alle Maßnahmen für mehr Gleichheit bedroht durch die Standortentscheidungen zugunsten von Billiglohn- und Billigsteuerländern? Atkinson sieht sich als Optimist. Standortentscheidungen seien komplexer, ein funktionierendes Gesundheitssystem werde genauso in Überlegungen einbezogen wie Steuerbelastungen. Anthony B. Atkinsons Buch ist so lesenswert, weil es konkret wird. Und seine Vorschläge sind radikal, obwohl man weiß, dass der Autor sie nüchtern wie ein Buchhalter durchgerechnet und ihre Effekte abgewogen hat. Stefan Wally

 

Bei Amazon kaufenAtkinson, Anthony B.: Ungleichheit: Was wir dagegen tun können. Stuttgart: Klett-Cotta, 2016. 474 S., € 26,95 [D], 27,85 [A] ; ISBN 978-3-608-94905

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