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Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus

Der Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger und der Technologie-Korrespondent bei brand eins Thomas Ramge sind überzeugt, „dass Märkten ein Neustart bevorsteht, der auf Datenreichtum basiert und unsere gesamte Wirtschaft ähnlich tiefgreifend verändern wird wie die industrielle Revolution“ (S. 109). Dank Big Data und cleveren Algorithmen finden Angebot und Nachfrage künftig besser zusammen, auch die Schwächen des Marktes sowie menschliche Fehleinschätzungen lassen sich, so die Experten, dadurch mildern. „Datenreiche Märkte erlauben es uns, individuelle Entscheidungen zu treffen, ohne dabei unter unseren kognitiven Beschränkungen leiden zu müssen.“ (S. 25) Diese neuen Märkte werden auch die Rolle verändern, die Märkte spielen. „Sie stellen abgenutzte Konzepte von Wettbewerb und Lohnarbeit ebenso in Frage wie den Finanzkapitalismus.“ (S. 25) Ebenso wird sich die Rolle des Geldes im Datenkapitalismus vollständig verändern, sind die Autoren überzeugt. Bisher haben wir über das Geld auch Informationen über Angebot und Nachfrage kommuniziert. Nun aber werden Informationen durch Daten übermittelt. „In dem Maße verliert auch das Geld an Bedeutung“ (Interview von Uwe Jean Heuser mit Mayer-Schönberger auf ZEIT online). Auch Arbeit müssen wir anders definieren, sie vermehrt als sozialen gesellschaftlichen Austausch sehen, sagt Mayer-Schönberger im Interview. Wie aber kann man in einer Welt des Datenkapitalismus, in der alles durchrationalisiert ist, als Mensch die Freiheit behalten bzw. auch einmal irrational handeln? Dazu bräuchten wir neue Formen der Regulierung, die fairen Wettbewerb bei Daten und Datenanalytik sicherstellen. Die Autoren schlagen daher eine gesetzliche Innovation vor: die progressive Daten-Sharing-Pflicht. „Diese sorgt für einen umfangreichen, aber differenzierten Zugang zu Feedbackdaten – natürlich unter Beachtung des Datenschutzes“ (Hannoversche Allgemeine, Gastbeitrag der Autoren: Die Daten gehören allen!20.10.2017, HAZ.de). Wichtig dabei ist, dass die Sharing-Pflicht vor Datenmonopolen schützt. Das wird zwar Großkonzerne nicht daran hindern, weiterhin Nutzen aus den gesammelten Feedbackdaten zu ziehen, doch wird zumindest der Nutzen breit gestreut.

Die digitale Zukunft wird nachhaltiger sein

Die beiden Autoren gehen davon aus, dass die Zukunft unserer Wirtschaft nicht in materiellem Wachstum, „sondern in einer cleveren Nutzung unseres Überschusses an Informationen“ (S. 252) bestehen wird. Dort, wo Künstliche Intelligenz und Big Data auf die soziale Wirklichkeit menschlicher Koordination treffen, können sie uns nach Einschätzung der Experten dabei helfen, endlich nachhaltiger zu wirtschaften (vgl. S. 252). Beide betrachten den Wandel vom Geld zu den Daten als eine Renaissance des Marktes. Sie vergleichen es mit dem längst vollzogenen Wandel grundlegender Welt-Sichten, etwa das Verständnis der Erde [von der Scheibe zur Kugel]. Ebenso müssten wir begreifen, dass wir die Realität nicht verflachen dürfen „um sie unserer kognitiven Beschränktheit anzupassen“ (S. 265). Die Autoren sind überzeugt, dass die digitale Zukunft „nicht bloß persönlicher, effizienter und nachhaltiger,  sondern vor allem gemeinschaftlich – und zutiefst menschlich“ sein wird (S. 266). Bleibt uns u. a. darüber nachzudenken, wie wir künftig mit weniger Arbeit umgehen. Alfred Auer

 

Bei Amazon kaufenMayer-Schönberger, Viktor; Ramge, Thomas: Das Digital. Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. München: Ullstein, 2017. 303 S., € 25,- [D], 25,70 [A] ; ISBN 978-3-430-30233-6

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