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Beissreflexe

Die „Beissreflexe“ von Patsy L`Amour LaLove haben viele Reaktionen ausgelöst. Die Herausgeberin hat Artikel zusammengestellt, deren Gesamtschau eine heftige Kritik an autoritären Tendenzen in der LGBT-Bewegung und am Einfluss der Theorie der „Cultural Appropriation“ ergibt. In der Einleitung spricht die Herausgeberin von autoritären Sehnsüchten, die sich durch Sprech-, Denk- oder Bekleidungsverbote ausdrücken.

Die Argumentation setzt bei Erfahrungen in Berlin an. Im Jahr 2013 trennten sich junge Leute von ihren Dreadlocks. Man wollte sich nicht weiter kultureller Leistungen ausgebeuteter Menschen bedienen, es stehe ihnen nicht zu, diese Frisuren ohne erkennbare Gegenleistung zu tragen. Damit griffen diese jungen Menschen Argumente auf, die als „Kritik der kulturellen Aneignung“ (Cultural Appropriation) im akademischen Bereich Verbreitung finden. Ein zweiter Vorfall war eine Auseinandersetzung über den Begriff „Anti-Ziganistische Zustände“. Das Wort „Anti-Ziganistisch“ sei an und für sich rassistische Gewalt, wurde moniert, da es die abwertend wirkende Wortschöpfung der „Zigeuner“ weitertransportiere. Die Autorin berichtet, dass Diskussionen so weit eskalierten, dass Drohungen im Raum standen. Patsy L’Amour LaLove meint dazu: „Solche falschen Verknüpfungen banalisieren Rassismus und forcieren ein Denken in Rassen, anstatt es zu kritisieren.“ (S. 25) Letztlich wende man sich dabei vom Rassismus ab und küre ein Feindbild, das zwar komfortabler, aber falsch getroffen sei.

“Critical Whiteness” und “Safe Spaces”

Unter dem Begriff „Critical Whiteness“ wird versucht, Menschen dazu zu bringen, ihre eigene Rolle in Diskussionen zu hinterfragen. Aus welcher hierarchischen und kulturellen Position spreche ich, wer bin ich, um vorgeben zu können, für andere zu sprechen? Diese Ideologiekritik bevorzugt verständlicherweise, dass Betroffene für sich selbst sprechen. Folgt daraus aber ein Sprechverbot bei Vorliegen bestimmter „falscher“ kultureller Voraussetzungen? Oder ein Reflexionsgebot? Patsy L’Amour LaLove sieht eine große Gefahr: „Geht es nicht mehr um die Sache, sondern nur noch um die Hautfarbe, um das Geschlecht und um die sexuelle Orientierung der Sprechenden? Dann sind wir nicht sehr viel weitergekommen als die Bornierten, die Religiösen und die Rechten. Rassismus und Homosexuellenfeindlichkeit wird mit solchen Ansätzen nicht thematisiert, es geht nur noch darum, die Menschheit in Gut und Böse aufzuteilen – das macht die Arbeit einfacher, aber hilft am Ende niemandem. Ganz im Gegenteil. Gerade diejenigen, die sich politisch engagieren, müssen die autoritären Vorgaben, wer sprechen darf und wer nicht, hinterfragen, sich denen, die sie einfordern, verweigern und ihrer Allmachtsphantasie keinen Platz einräumen.“ (S. 29)

Ähnlich kritisch äußert sie sich zum Bemühen, sogenannte „Sichere Räume“ zu schaffen, in denen man diskriminierungsfrei leben oder lernen kann, in denen man vor potenziell schädlichen Reizen geschützt ist. In diesen Räumen entstehen dadurch eine Vielzahl von Regeln für das Verhalten, damit sie auch wirklich sicher sind. Da die möglichen negativen Reize vielgestaltig sein können und individuell verschieden wirken, kommt es zu einer breiten Ansammlung von zu vermeidenden Verhaltens- und Redeweisen. „Gefordert wird das Unmögliche – Räume, die für alle frei von Verletzung sind.“ (S. 36)

Diese kritische Grundhaltung wird in den vielen Beiträgen illustriert und um andere Argumente ergänzt. Manche Beiträge sind abstrakt, andere sehr konkret und undiplomatisch. Aber es sind immer Argumente und keine Ankündigungen der Durchsetzung von Verboten oder Drohungen. Stefan Wally

 

Bei Amazon kaufenL‘Amour LaLove, Patsy: Beissreflexe. Kritik am queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Berlin: Querverl., 2017. 269 S., € 16,90 [D], 17,30 [A] ISBN 978-3-89656-254-1

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