Arbeit in der Postwachstumsgesellschaft

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Arbeiten in einer Postwachstumsgesellschaft

„Ende des Wachstums – Arbeit ohne Ende?“ – Der Titel des vorliegenden, auf eine Tagung der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg zurück gehenden Bandes, verweist auf zweierlei: Dass in einer endlichen Welt unendliches Wachstums nicht möglich ist, wird als These vorangestellt; dass uns deswegen die Arbeit ausgeht, sei nicht schlüssig, wenn der Blick auf das Ganze der Arbeit gerichtet wird, die auch Care-Tätigkeiten umfasst. Doch der Reihe nach.

Im einleitenden Beitrag referieren Volker Teichert und Hans Diefenbacher einschlägige Studien über die Auswirkungen von Digitalisierung und „Industrie 4.0“ auf den Arbeitsmarkt. Mit der 4. Industriellen Revolution werden folgende Entwicklungen verbunden: autonomes Fahren, additive Fertigung & 3D-Druck, fortgeschrittene Robotik, Künstliche Intelligenz & Big Data, Informationsplattformen sowie schließlich neue Materialien. Die Prognosen fallen dabei durchaus unterschiedlich aus. Während etwa die US-Forscher Frey/Osborne 47 Prozent der in ihrem Land Beschäftigten in die „high risk-Kategorie“ einordnen, also mit hohem Ersetzbarkeitsrisiko einstufen, gehen Untersuchungen von Holger Bonin u. a. für Deutschland von deutend geringeren Werten aus. Nur 12 Prozent der Jobs wären demnach in der Bundesrepublik mit einem hohen Automatisierungsrisiko behaftet (S. 22f.). Einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu Folge soll die Umsetzung von Industrie 4.0 sogar weitgehend „arbeitsplatzneutral“ (S. 25) erfolgen. Dabei wird freilich von einer stark erweiterten Nachfrage der Haushalte nach Dienstleistungen ausgegangen, finanziert aus höheren Haushaltseinkommen. Einigkeit herrscht – so zeigt der Überblick ebenfalls – jedoch darüber, dass die Automatisierung auch Dienstleistungen erfassen wird und Umqualifizierungen erforderlich sein werden. Teichert/Diefenbacher kritisieren an den vorgestellten Szenarien, dass diese unhinterfragt von weiterem Wirtschaftswachstum ausgehen, und fordern, die Transformationen auch für neue Arbeitszeitmodelle zu nutzen – sie sprechen von „selbstgesteuerten Arbeitszeitsystemen“ mit „erhöhten Entscheidungsoptionen der Beschäftigten bei der Arbeitsplatzgestaltung“ (S. 29).

Genderfalle in der Arbeitswelt

Dies führt zu weiteren Beiträgen des Bandes. Die Schweizer Ökonomin Mascha Madörin rechnet am Beispiel ihres Landes vor, was es volkswirtschaftlich kosten würde, wenn sämtliche Sorgetätigkeiten monetarisiert würden. Die Autorin geht davon aus, dass sich Staaten dieser Frage durchaus stellen müssen, weil Frauen die Care-Arbeit aufgrund ihrer Berufstätigkeit nicht mehr selbstverständlich verrichten werden. Madörin bezieht sich auf einen weiteren Aspekt der Digitalisierung, nämlich die Nicht-Automatisierbarkeit sozialer Dienstleistungen, die mehrheitlich Frauenjobs ausmachen, jedoch (bereits jetzt) am schlechtesten bezahlt sind. Hier tue sich eine weitere Genderfalle in der Arbeitswelt auf, so die Ökonomin. Insgesamt müssen Staaten dafür sorgen, dass der „Wirtschaftssektor 4“ (soziale Dienste) in Zukunft sichergestellt wird, was tendenziell höhere Staatsausgaben erfordern werde – im Sinne der „Baumolschen Kostenkrankheit“ (Der Ökonom William Baumol wies als erster auf die schlechte Rationalisierbarkeit von Dienstleistungen im Gegensatz zu anderen Sektoren hin).

Jürgen Rinderspacher geht in der Folge den Chancen und Grenzen von neuen Arbeitszeitmodellen sowie der möglichen Umkehrung der „Zeit-Geld-Präferenz“ für mehr ArbeitnehmerInnen nach. Er hält die Losung, für mehr Freizeit auf Einkommen zu verzichten, nur für wenige Beschäftigte als attraktiv und plädiert daher für plurale Einkommensmodelle, konkret für eine neue „Familienarbeitszeit“, über die Erwerbstätige mit Kindern Lohnersatzleistungen für Erziehungs- und Sorgetätigkeiten erhalten sollen, oder eine „Pflegevollzeit“ nach demselben Prinzip. Nur Zweckbindungen hätten auch ökologische Vorteile, weil mehr Freizeit (meist) mehr Ressourcenverbrauch bedeute, so Rinderspacher. Zu diskutieren seien selbstverständlich die Gegenfinanzierungen, dies umso mehr, wenn wir auf eine „Nullwachstumsgesellschaft“ zusteuern. Ähnlich argumentiert Michael Opielka in seinem Plädoyer für einen adaptierten „Wohlfahrtsstaat in der Postwachstumsgesellschaft“, der auf die Grundversorgung aller BürgerInnen ziele. Wie die Arbeitszeit flexibler gestaltet werden könnte, zeigt Andreas Hoff im Folgebeitrag anhand des Modells der „Wahlarbeitszeit“, die einen Zeitkorridor für Arbeitsverträge vorsieht.

Renaissance des Handwerks

Einen ganz anderen Blick auf die Zukunft der Arbeit wirft Christine Ax, die einmal mehr für eine Renaissance des Handwerks plädiert – und zwar nicht nur aus ökologischen Gründen (Stichwort „Langlebige und reparaturfähige Produkte“), sondern weil Wirtschaften damit der abstrakten Profitmaximierung entzogen und in regionale Strukturen eingebettet würde. Hoffnung setzt die Autorin in die „Generation Y“, die die hochverdichtete und wenig attraktive Arbeitswelt der Eltern erlebt habe und nach Alternativen suche. Als gelungenes historisches Beispiel für hohe Handwerkskunst nennt Ax die „Edo-Periode“ in Japan (1603 bis 1868), in der das Land mit geringem Ressourcenaufwand eine Blütezeit erlebt habe.

In dieselbe Richtung und wohl noch radikaler denkt Brigitte Kratzwald, wenn sie eine „postkapitalistische“ Gesellschaft der Commons andenkt, die auch eine „Post-Arbeitsgesellschaft“ sein könnte, in der wir „die Dinge, die wir zum Leben brauchen, so herstellen, dass alle ihre Bedürfnisse befriedigen können, alle ihre Fähigkeiten einbringen können, alle Betroffenen die Möglichkeit haben, mitzubestimmen“ (S. 172). Davon sind wir freilich weit entfernt! Hans Holzinger

 

Bei Amazon kaufenEnde des Wachstums – Arbeit ohne Ende? Arbeiten in einer Postwachstumsgesellschaft. Hrsg. v. Hans Diefenbacher u. a. Marburg: Metropolis, 2017.  226 S. € 24,80 [D], € 25,60 [A] ; ISBN 978-3-7316-1254-4

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