Neue Aufklärung für eine volle Welt

Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman über eine neue Aufklärung für eine volle Welt„Wir sind dran“ – so der doppeldeutige Titel des neuen Club of Rome-Berichts, der unter Federführung von Ernst U. v. Weizsäcker und Anders Wijkman gemeinsam mit 32 weiteren Mitgliedern der Organisation zu deren 45-jährigen Bestehen erstellt wurde. Es geht rasant bergab, wenn die planetarische Zerstörung nicht gestoppt wird,  lautet die eine Botschaft von „Wir sind dran“. Und die andere: Es braucht Veränderungen an vielen Stellen und in vielen Bereichen. Was auch heißt: der notwendige Wandel geht uns alle an.

Im ersten Teil des Berichts werden einmal mehr die aktuellen Herausforderungen benannt:  Klimawandel, Artensterben, Bevölkerungswachstum und Urbanisierung, Landwirtschaft und Ernährung, ungleicher Handel, Digitalisierung und ihre ambivalenten Folgen u. a. m. Auffallend an der Aufzählung ist, dass neben ökologischen auch ökonomischen, sozialen und politischen Krisen breiter Stellenwert eingeräumt wird. Gesprochen wird von einer „verwirrten Welt“ (S. 20), einer „Krise des globalen Kapitalismus“ (S. 22), von einem aufsteigenden Populismus und der Unterhöhlung demokratischer Institutionen sowie von einer gefährlichen „Finanzialisierung“ (S. 29) der Wirtschaft. Mit einer Vielzahl an Studien werden Krisentrends illustriert und Warnungen wissenschaftlich untermauert.

Teil 2 des Berichts widmet sich – und das mag für den Club of Rome überraschen – kulturellen bzw. philosophischen Fragen. Ausgehend vom Bild einer „vollen Welt“, das der Ökonom und Co-Autor Herman Daly geprägt hat, wird eine „zweite Aufklärung“ gefordert, die die reduktionistische Weltsicht überwindet, sich der Erforschung komplexer Systeme widmet und statt linearem Wachstum eine „Philosophie der Balance“ (S. 185) fördert. Neue Gleichgewichte müssten gefunden werden: zwischen Menschen und Natur, Kurz- und Langfristigkeit, Geschwindigkeit und Stabilität, Privatem und Öffentlichem, Frauen und Männern, Gleichheit und Leistungsanreiz. Mit Anleihen bei Denkern wie Fritjof Capra („Wendezeit“) oder der Anthropologin Riane Eisler („The Real Wealth of Nations“) wird im – laut Weizsäcker und

Wijkman – „revolutionärsten Teil des Berichts“ (S. 18) für ein holistisches anstelle des dichotomistischen Weltbild geworben.

Der dritte und umfangreichste Abschnitt schildert gelingende Ansätze einer „regenerativen Wirtschaft“ (S. 194), einer „Circular Economy“ (S. 265), einer naturangepassten Landwirtschaft sowie einer nachhaltigen Agrarpolitik sowie einer neuen Beziehung zwischen Stadt und Land („Ecopolis“, S. 243). Vorgestellt werden neue Ansätze der Entwicklungszusammenarbeit, etwa der in Indien tätigen Organisation „Development Alternatives“ (S. 207ff.), ebenso wie neue Wege der Ressourcenproduktivität,  der Unternehmensführung oder des Investments. Hier wird auch der von Österreich ausgehende Ansatz einer „Gemeinwohlökonomie“ mit einem eigenen Kapitel bedacht. Selbstverständlich nehmen politische Neuansätze breiten Raum ein, etwa das von Ernst U. v. Weizsäcker seit langem propagierte Modell einer stufenweise steigenden Ressourcenbesteuerung oder der vom WBGU weiterentwickelte „Budgetansatz“, der eine faire Verteilung der Klimaschutzmaßnahmen zwischen reichen und nachholenden Volkswirtschaften ermöglichen soll. Vorgeschlagen werden auch Maßnahmen zur Regulierung der Finanzmärkte wie die Wiedereinführung des Trennbankensystems, die drastische Erhöhung der Eigenkapitalquoten der Banken zur Eindämmung der Geldschöpfung oder eine schrittweise Abschreibung von Schulden, wo dies erforderlich ist. Das Modell eines Vollgeldes wird zumindest diskutiert.

Nicht zuletzt versammelt der Club of Rome neue Ansätze, die zu einer Verbesserung der öffentlichen Kommunikation, der Stärkung von Zivilgesellschaft und Sozialkapital und der Demokratie führen soll(t)en. Verfahren wie Planungszellen oder die in Irland umgesetzten Bürgerversammlungen, in denen BürgerInnen per Losentscheid zu ausgewählten Themen arbeiten, werden dabei direktdemokratischen Instrumenten mit Verweis auf die Populismusfalle der Vorzug gegeben. Zudem werden Ansätze für eine andere globale Steuerung vorgestellt wie der Global-Policy-Aktionsplan des World Future Council von

Jakob von Uexkuell, der vorbildhafte Gesetzgebungen auszeichnet, das Great Transition-Modell von Paul Raskin (als „Reise zum Erdland“) oder das „Zusammenlebensmodell der Nationalstaaten – COHAB“ des Desertec-Initiators Gerhard Knies.

Resümee: Wie schon der letzte Bericht von Jörgen Randers und dem derzeitigen Club of Rome-Generalsekretär Braeme Maxton „Ein Prozent ist genug“ (s. PZ 1/2017*1) fordert auch dieser „Geburtstagsband“ klare systemische Weichenstellungen. Die Publikation zeigt einmal mehr die Krisenphänomene der gegenwärtigen Weltentwicklung auf, sie bietet aber auch eine Fülle an Anregungen, was dagegen und für eine lebenswerte Welt auf vielen Ebenen getan werden kann. Es ist das Verdienst der Hauptautoren, all das gesammelt und geordnet zu haben. Dabei stehen wir mit den Veränderungen erst am Anfang. Folgerichtig endet das Buch mit einer Aufforderung an uns alle, weitere Ideen, aber auch kritische Einwände zu übermitteln. Hier die Emailadresse: comeonauthors@ clubofrome.org. Hans Holzinger

 

Bei Amazon kaufenWeizsäcker, Ernst U. v.; Wijkman, Anders u.a.: Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2017. 394 S., 24,99 [D], 25,80 [A] ; ISBN 978-3-579-08693-4

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