Philipp Blom ist Historiker. In „Der taumelnde Kontinent“ beschrieb er die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als eine voller radikaler Veränderungen und großer Umbrüche. In seinem neuen Buch „Was auf dem Spiel steht“ wendet er sich der Gegenwart zu und ortet ähnliche Umbrüche, die er insbesondere im globalen Klimawandel sowie in der Digitalisierung mit ihren Folgen für die Arbeitsplätze ausmacht. Blom schätzt die Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaften, er sieht diese aber immens gefährdet und er kritisiert das Wegschauen vor den Herausforderungen. Wir seien die erste Genration in der Geschichte, die die Folgen ihres Handelns bereits kennt, so der Autor mit Blick auf die Umweltzerstörung und die globale Erwärmung. Wir hätten auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse, was zu tun wäre. Aber: „Toleranz für Lebensweisen oder Ansichten, die man instinktiv ablehnt, ist anstrengend, Solidarität mit Menschen aus fernen Ländern ist kompliziert, die Freiheit der anderen ist immer die eigene Einschränkung, kluge Selbstbeschränkung schlicht Unsinn in einer Konsumgesellschaft.“ (S. 179). Der große Vorteil des reichen Westens sei zugleich sein Fluch: „Es geht vielen Menschen einfach noch zu gut, als dass sie sich auf einschneidende Veränderungen einlassen würden.“ (S. 187)

Blom zu Folge stehen die westlichen Gesellschaften vor einer prekären Wahl: radikale Marktliberale einerseits, autoritäre Populisten andererseits (S. 106ff.). Beide würden einfache Lösungen für die globalen Herausforderungen vorgaukeln, die uns tiefer in die Probleme verstricken. So verspielen wir die Zukunft, ist der Autor überzeugt, denn „zum Überleben brauchen Demokratien nicht nur Wohlstand. Sie brauchen auch eine gemeinsame Hoffnung“ (S. 191). Diese sei derzeit nirgends zu erkennen.

Der Historiker prognostiziert eine weitere Zunahme der Migration aufgrund der Veränderung der klimatischen Bedingungen insbesondere in die Städte in den Ländern des Südens, was zur Verschärfung von sozialen Unruhen führen würde. Für den Norden befürchtet Blom die weitere Konzentration der ökonomischen Macht in den Händen derer, die Fabriken, Roboter und Patente besitzen, sowie die Freisetzung vieler Arbeitskräfte, die nur mehr als Konsumenten gebraucht würden. Das würde letztlich auch die Demokratien zersetzen, weil sich die Menschen nicht mehr mit dieser Gesellschaftsform identifizieren würden.

Die Alternative sieht der Autor in einer Umverteilung des Reichtums zum einen, da wir die erste Generation in der Geschichte seien, die mit weniger Arbeit ein gutes Leben führen könnte. Hinsichtlich Klimawandel fordert Blom ein radikales Umdenken, was unsere Lebensgewohnheiten betrifft, und eine Vielzahl an Verhaltensänderungen, vom Autor als „Patchworkteppich an Lösungen“ bezeichnet: weniger Energie verbrauchen, weniger konsumieren, weniger fliegen und Urlaub machen. Doch dies setze auch ernsthafte und tiefgreifende Änderungen in unserer Wirtschaft und Gesellschaft voraus, die derzeit nicht abzusehen seien.

Blom plädiert dafür, neue Parteien und Bürgerbewegungen zu gründen, und – was wohl provoziert – die Macht in die Hände jener zu geben, die mit den notwendigen Zukunftsentscheidungen zu leben hätten – in ein „Parlament der 20-30-Jährigen“, in dem die Älteren nur mehr beratende Funktion hätten. Seine Überzeugung: Wir können neue Gesellschaften bauen, die in einer Generation genauso normal wären wie unsere jetzigen: Die nicht mehr auf Konsum ausgerichtet sind, wo Dinge kosten, was sie wirklich kosten, wo wir keine künstlichen Preise mehr haben, wie jetzt, wo Rohmaterialien durch Sklavenarbeit erwirtschaftet werden und Recyclingkosten nicht eingerechnet werden.

Blom provoziert und er möchte wachrufen, damit nicht alles so geschieht, wie er es als Historiker als mögliche Negativzukunft an die Wand malt. Im Schlusskapitel zeigt er ein durchaus realistisches Hoffnungsszenario, in dem sich schließlich die Kräfte der Veränderung durchsetzen gegenüber jenen, die den Status quo erhalten woll(t)en. Hans Holzinger 

Bei Amazon kaufenBlom, Philipp: Was auf dem Spiel steht. München: Hanser, 2017. 223 S., € 20,- [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-446-25664-4

 

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