Die Verdichtung und noch bessere Kontrolle der Arbeit durch neue Technologien ist ein zentrales Thema der Analysen und Reportagen von Matthias Martin Becker, die er im Begriffspaar „Automatisierung und Ausbeutung“ verdichtet. Der Autor – er war am 18. Mai 2017 zu Gast in der JBZ-Reihe „Zukunftsbuch“ – fundiert seine Ausführungen mit einem umfangreichen industrie- soziologischen Wissen, aber auch mit Praxiserfahrungen durch Beschäftigungsverhältnisse in Industrie- und Dienstleistungsbetrieben. Als Wissenschaftsjournalist beschreibt er die Veränderungen der Arbeitswelt durch Automatisierung und Roboterisierung, er skizziert die Versprechen der Digitalisierung einschlägiger Unternehmen und Forschungsinstitute (und benennt dabei manches als „heiße Luft“) und er zeigt neben den Chancen auch die Gefahren des Wandels der Arbeitswelt durch die IKT, etwa die neuen Möglichkeiten digitaler Kontrolle der Arbeitenden, auf. In Kapiteln  wie „Transparenz für wen?“, „Halbautomaten“, „Smarte Rechner, dumme Arbeiter?“ oder „Der Aufstieg der Plattformen“ werden neue Entwicklungen durch die Anwendung von künstlicher Intelligenz, Industrie-Robotern oder Sprachautomaten nachgezeichnet. Becker geht davon aus, dass Maschinen Menschen nur bedingt ersetzen können. Vielmehr steige die Verantwortung der verbleibenden Industriearbeiter in ihrer Rolle als „letzter Entscheider und übergeordnetes Regelglied“ (S. 46) im automatisierten Produktionsprozess. „Unvorhergesehene Schwierigkeiten erkennen und neue Lösungen für diese finden“ (ebd.) könne nur der Mensch. „Wenn ein automatisierter Produktionsprozess entgleist, wird das teuer und oft auch gefährlich“, relativiert Becker die Hoffnungen von Unternehmen, sich mittels Maschinen aus der Abhängigkeit der Arbeitenden befreien zu können.

Spannend zu lesen sind die Berichte über neue Mensch-Maschine-Interaktionen, die Computer zu lernenden Systemen machen, was die Steuerung und Optimierung – eine klassische Aufgabe des Managements – verbessere. Becker dazu lakonisch: „Hier sägen Manager an dem Ast, auf dem sie sitzen.“ (S. 65)

Der Autor bezweifelt auch viele Zukunftsprognosen, was die Digitalisierung angeht, und spricht von „kunstfertigen  Hochstaplern“. Er benennt zwei wesentliche Fragen, die sich Unternehmen in Bezug auf die Kosten der Standardisierung von Produktionsprozessen stellen müssen: „Wie viele Fehler können wir uns leisten – und können wir es uns leisten, die Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass einige Fehler auftreten?“ (S. 93)

Plattform-Kapitalismus

Ausführlich widmet sich Becker dem „Aufstieg der Plattformen“, den Chancen und Gefahren der „Sharing Economy“ sowie den Problemen von „Crowdwork“, also dem Prinzip, dass sich Unternehmen nicht an den Arbeitsort gebundene Arbeitsleistungen aus Internetplattformen zukaufen (gesprochen wir hier auch von „Gig-Economy“ in Anlehnung an die Musikbranche). Die Mitwirkung der Kunden an der Produktentstehung etwa durch kostenfreie Online-Texte, die in der Blog-Kultur zur Verfügung gestellt werden, oder an der Produktplatzierung mittels Bewertung von Produkten, die als kostenfreie Werbung dient, nennt der Autor als Beispiele. Auch über Internet weitergegebene Kochtipps oder Reparaturanleitungen fallen für Becker in die Kategorie der „Clickwork“. Er sieht aber hier Grenzen, die freiwillige Zuarbeit sei zwar eine kostenlose Ressource der Internetplattformen. Doch: „Vielleicht haben wir Peak Community schon erreicht.“ (S. 138)  Andererseits würden Verkaufs- und Vermittlungsplattformen durch „Unterbietungswettbewerb“ die Konkurrenz unter den Unternehmen weiter anheizen, und als Intermediäre durch Vermittlungsgebühren reich werden, ohne viel investieren zu müssen: „Das größte Taxiunternehmen der Welt besitzt keine Taxis (Uber). Der größte Übernachtungsanbieter besitzt keine Immobilien (Airbnb). Der größte Telefonanbieter hat keine Telefoninfrastruktur (Skype). Der beliebteste Medienkonzern besitzt keine Urheberrechte (Facebook).“ (S. 161)

Kritisch sieht Becker das Phänomen der über Internet vermittelten Arbeit, die als „Crowdwork“ bezeichnet wird und laut einer Weltbank-Studie 2016 bereits einen globalen Umsatz von 4,3 Milliarden Euro erzielt hat. So organisiert etwa IBM einen Großteil seiner Software-Entwicklung über Internetplattformen. In der Regel sind diese Tätigkeiten jedoch schlecht bezahlt – der Autor berichtet u. a. von seinem Selbstversuch als „freier Texter“ – und die Betroffenen haben keinerlei sozialrechtliche Absicherung.

Becker zeigt mit fundierter Recherche und nicht ohne Humor die Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung in der Arbeitswelt auf. Die Beispiele reichen dabei von klassischen Industrierobotern über Sprach-Maschinen bis hin zum Ernteroboter in der Landwirtschaft oder der interaktiven Lernsoftware.  Der Autor plädiert dafür, die digitalen Netze als öffentliche Güter zu organisieren und über ein „plattformbasiertes Genossenschaftswesen“ (S. 165) neue, nicht profitgesteuerte Produktionsweisen zu entwickeln – etwa im Sinne einer von Paul Mason (s. PZ 1/17*14) favorisierten „kollaborativen Allmendeproduktion“. Und er fordert, der Entgrenzung und Verdichtung der Erwerbsarbeit ebenso wie ihrer Mythisierung als alleinige Sinnstifterin individuell wie kollektiv mit subversivem Humor entgegenzutreten. Nach dem Motto: „Nicht hetzen – ich bin bei der Arbeit, nicht auf der Flucht“. Hans Holzinger

Bei Amazon kaufen Becker, Matthias Martin: Automatisierung und Ausbeutung. Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus? Wien: Promedia, 2017. 239 S., € 19,90 [D], 2050 [A] ; ISBN 978-3-85371-418-8

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