Plädoyer wider die Bauwut

FuhrhopDaniel Fuhrhop hält nichts von vornehmer Zurückhaltung. Unmittelbar kommt er zur Sache: die Baugeschichte und mehr noch die horrenden Kosten der Elbphilharmonie oder die nicht enden wollende Misere um den Flughafen Berlin-Brandenburg sind für ihn indes kaum mehr als die Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs. Dass allein in den letzten 20 Jahren die Zahl der Wohnungen in Deutschland von 35 auf 41 Millionen gestiegen ist, obwohl damals wie heute 80 Millionen Menschen in diesem Land leben, und dass damit zusätzlicher Wohnraum gebaut wurde, in welchem alle Niederländer gut unterzubringen wären, gibt ihm wohl noch mehr Anlass, die gängige Praxis des Bau[un]- wesens schonungslos und radikal zu hinterfragen. Fuhrhop ist in seiner Vehemenz zwar Außenseiter, aber, wie sich herausstellt, aufgrund seiner Ausbildung und beruflichen Erfahrung als Verleger einschlägiger Literatur durchaus berufen, sich zum Thema zu Wort zu melden. Das tut er vehement.

Den Traum vom Eigenheim hinterfragt Fuhrhop grundlegend, deutet ihn als Illusion und Mythos; er kritisiert den Flächenfraß, der durch ungezügelten Neubau wertvolle Ressourcen unwiederbringlich zerstört und zunehmend drastische Folgen mit sich bringt; er entlarvt den Ansatz des ökologischen Bauens aufgrund einer energetisch negativen Gesamtbilanz als mehr als fragwürdig und hält den ungebrochenen Trend zum Neubau nicht nur für unsozial [neue Wohnungen können sich immer weniger Menschen, und meist nur auf der Basis langfristiger Verschuldung leisten], sondern vor allem für entbehrlich [der angebliche Bedarf nach immer Neuem werde vor allem von den Wohnbauträgern stimuliert].

Gegen den zunehmenden Ausverkauf der Städte, die fortschreitende Privatisierung und die Verstärkung der Wohnungsnot regt sich, wie sie der Autor anhand mehrerer deutlicher Beispiele zeigt, zunehmend Widerstand. In Berlin etwa verhinderte die Initiative “100 % Tempelhofer Feld“ per Volksentscheid im Mai 2014 alle Neubauambitionen; in Bremen „forderte ein Bündnis von Bürgerinitiativen dazu auf, 99 Freiflächen auf Dauer nicht zu bebauen“(S. 59). Zunehmend, so der Autor, machen BürgerInnen auch gegen den Einsatz der Abrissbirne mobil.

Mit guten Argumenten und – zumindest auf den ersten Blick – auch überzeugenden Kalkulationen macht Daniel Fuhrhob deutlich, dass es sich aus vielerlei Gründen lohnt und rechnet, Bausubstanzen zu erhalten und zu sanieren. Leerstände (Gewerbegebäude, Kasernen, Schulen, Verwaltungsgebäude etc.) könnten, adaptiert und umgebaut, neuen Bestimmungen zugeführt werden. Ein dieser Aufgabe eigens gewidmetes „Leerstandsmanagement“ böte ein reiches Betätigungsfeld (vgl. S. 99 ff.).

Veränderungen, wie der Autor anregt, können freilich nicht nur von außen kommen. Sie bedürfen der Reflexion jedes einzelnen, der Bereitschaft, den eigenen Lebensstil und tradierte Verhaltensmuster zu hinterfragen. Wir müssten lernen, uns einerseits von Unnötigem zu trennen und andererseits Bestehendes zu bewahren, es neu und anders zu nutzen.

Unter anderem fordert Fuhrhob den „Mut zur Nähe“, aber auch die Bereitschaft, „gemeinsam zu nutzen anstatt zu besitzen“. Aber auch mit ungewöhnlichen Ideen wie etwa der Neu-Benennung von wenig attraktiven Wohngebieten (aus Duisburg wird Düsseldorf-Nord) oder Initiativen zur Belebung der Innenstädte wirbt der Autor für sein Anliegen.

Ein im besten Sinne des Wortes radikales, mutiges Buch, dessen Anliegen breite Aufmerksamkeit und weiterführende, durchaus auch kontroverse Diskussion verdient. Walter Spielmann

Bei Amazon kaufenFuhrhop, Daniel: Verbietet das Bauen!  Eine Streitschrift. München: oekom-Verl., 2015. 189 S., € 17,95 [D], 18,40 [A] ; ISBN 978-3-881-733-4

 

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