Wie kommt der Geist in die Materie?

Wie hängen Körper und Geist zusammen? Wie können die kleinen grauen Zellen in unseren Köpfen denken, fühlen und träumen? Das Leib-Seele-Problem beschäftigt seit Jahrtausenden die hervorragendsten Denker, doch weder die Theologie noch die Philosophie haben dafür eine allgemein überzeugende Lösung gefunden. Den herkömmlichen Theorien, seien sie nun materialistisch, dualistisch oder panpsychistisch, weist der US-amerikanische Philosophieprofessor Colin McGinn Lücken und innere Widersprüche nach. Dabei ist seine Argumentation nie mit Wissenschaftsjargon befrachtet, sondern durchwegs leicht verständlich, unterhaltsam und mit einer Prise angelsächsischem Humor gewürzt.
Die modernen Naturwissenschaften haben zwar Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns gewonnen, doch was Bewusstsein ist und wie es entsteht, können auch sie nicht erklären. Noch nicht? Der Autor neigt zu der Auffassung, dass die Menschheit das Geheimnis des Bewusstseins nie ergründen können werde, da es jenseits der Grenzen des Intellekts angesiedelt sei. Dieser weiße Fleck auf der Landkarte des menschlichen Wissens werde auch weiterhin weiß bleiben, und deshalb versteht McGinn sein Buch als einen Beitrag zu einer „Geographie des menschlichen Nichtwissens“ (S. 9).
Wer nun befürchtet, dass die „Mysteriumsthese“, der zu Folge sich Wesen und Entstehung des Bewusstseins dem Erkenntnisvermögen entziehen, dem Autor letztlich doch als Sprungbrett in religiöse oder esoterische Spekulationen dient, wird angenehm enttäuscht. McGinn bleibt auf dem Boden der Wissenschaft und lehnt den Glauben an Übernatürliches ab: Ein Rätsel sei nicht mit einem Wunder zu verwechseln, und „Unwissenheit ist besser als Spinnerei“ (S. 124).
Diese Einsicht hindert ihn aber nicht daran, seinerseits recht abenteuerliche Mutmaßungen anzustellen. Vielleicht sei der Geist ein Überbleibsel vom Zustand der Welt vor dem Urknall, da er mit unserem dreidimensionalen Raumverständnis nicht zu fassen ist.
Was die Herstellung von künstlicher Computerintelligenz betrifft, so ist McGinn eher pessimistisch. Alles deute darauf hin, dass Bewusstsein an organisches Gewebe gebunden ist. Die Lösung des Leib-Seele-Problems traut er, wenn überhaupt, am ehesten der Genforschung zu. Immerhin ist die in der DNA enthaltene Information dafür verantwortlich, dass binnen weniger Wochen aus bloßer Materie ein mit Bewusstsein ausgestattetes Gehirn entsteht. Mehr als Denkanstöße zu geben, beansprucht der Autor freilich nicht: „Ob ich Sie feierlich auffordere, all das zu glauben? Nein.“ (S. 143) Zum kritischen Weiterdenken regt er aber allemal an. R. L.

McGinn, Colin: Wie kommt der Geist in die Materie? Das Rätsel des Bewusstseins. München: Beck, 2001. 266 S., DM 38,- / sFr 34,50 / öS 277,-

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