Globale Trend 2015

image006Der von der Stiftung Entwicklung und Frieden gemeinsam mit Partnern herausgegebene Band “Globale Trends 2015” konstatiert eine “zunehmende Verantwortungslosigkeit in der aktuellen Weltgesellschaft, befördert durch eine Verantwortungsdiffusion unter staatlichen wie nichtstaatlichen Akteuren” (S. 13). Die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts sich ausbreitende “liberale Weltordnung” unter der Hegemonie der USA sei zu Ende, konstatieren die Herausgeber-Innen Michele Roth und Cornelia Ulbert; der wirtschaftliche Aufstieg neuer Mächte und Regionen erschwere es, westliche Ordnungsvorstellungen global durchzusetzen, was in den Verhandlungen der G20-Runden zu erfahren gewesen sei: “Globale Politikgestaltung ist damit deutlich komplexer geworden” (S. 17). Derartige fundamentale Umbrüche würden Verunsicherungen und in der Folge zunächst häufig Verweigerungshaltungen provozieren, aber auch Chancen bieten: “Perspektivisch eröffnen sie die Chance, festgefahrene Strukturen und Rituale in internationalen Verhandlungskontexten zu überwinden” (ebd).

Konfrontative Multipolarität

Die AutorInnen der “Globalen Trends 2015” negieren die Probleme und Versäumnisse der Weltpolitik keineswegs. Die gegenseitigen Blockaden im UN-Sicherheitsrat etwa in den Konflikten im Nahen Osten oder in Afrika und damit auch das Versagen, der dramatisch gestiegenen Zahl an Flüchtlingen (Ende 2014 waren es 50 Millionen, mit Ende 2015 wird mit 60 Millionen gerechnet) wirksam entgegenzutreten, werden durchaus gesehen. Die insgesamt 23 Beiträge beleuchten alle Krisenphänomene der Welt, allen voran die bewaffneten Konflikte, die 2014 seit 2001 mit 32 einen neuen Höchststand erreicht haben. Mitherausgeber Thomas Debiel spricht von “konfrontativer Multipolarität in einer von ideologischen und sozialen Fragmentierungen gekennzeichneten Weltgesellschaft” (S. 40). Nicht nur die kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern auch die Zunahme der Mordrate (um über 20 Prozent seit 2008), der terroristischen Aktivitäten sowie des Handels mit konventionellen Waffen (um jeweils über 25 Prozent) haben laut einer zitierten Statistik den “globalen Frieden” untergraben. Die erneuten Anschläge vom 14. November 2015 in Paris sind ein augenscheinlicher Beweis dafür. Jochen Hippler zeichnet am Beispiel der Bewegung “Islamischer Staat”, die sich im Machtvakuum des Irak gebildet hat, die Mitverschuldung der Krisen-eskalation durch die westliche Interessenspolitik nach.

Globales Wirtschaftsversagen

Gesehen werden auch die dahinter liegenden ökonomischen und sozialen Probleme, wie Beiträge über das Ansteigen der Jugendarbeitslosigkeit etwa in der Maghreb-Region sowie die an zahlreichen Befunden dargelegte “Ungleichheit und ihre Folgen” zeigen.  Die wirtschaftliche Globalisierung nach dem Prinzip “The winner takes all”, der Standortwettbewerb, das Steuerdumping, die Kapitalakkumulation sowie schließlich politische Deregulierungen werden als wesentliche Ursachen der zunehmenden Einkommens- und Vermögensdisparitäten benannt. Die supranationale Politik habe bisher wenig zum Aufholen benachteiligter Staaten beigetragen, so das ernüchternde Fazit von Michael Dauderstädt, der Transferzahlungen zwischen Staaten (“2 Prozent des Einkommens des reichen Fünftels der Staaten würden ausreichen, um das Einkommen des ärmsten Fünftels zu verdoppeln”) sowie bedingungslose Geldzahlungen an arme Privathaushalte in armen Ländern als womöglich geeignetere Form der Entwicklungszusammenarbeit propagiert (S. 193).

Tendenziell werden in der gegenwärtigen Globalisierung aber auch Chancen gesehen. Wirtschaftlich erstarkende Länder hätten die Möglichkeit, in der internationalen Arena neue Akzente zu setzen, Migration böte auch ökonomische Chancen der Umverteilung. So übersteigen die Rücküberweisungen von MigrantInnen in ihre Herkunftsländer mittlerweile die globale Entwicklungshilfe um das Dreifache. Neue Mittelschichten in den Ländern des Südens könnten ebenso zu Demokratisierungsprozessen beitragen wie die weiterhin wachsende globale Zivilgesellschaft – die Konsultationsprozesse zu den Post-2015-Sustain-able Development Goals werden hierfür als vorsichtig positives Zeichen gewertet. Die Pluralisierung der Weltakteure böte demnach, so ein Tenor der Analysen, durchaus Entwicklungsperspektiven, auch wenn die USA trotz ihrer enormen Verschuldung weiterhin als dominierender Weltakteur betrachtet werden, was durch den (zumindest vorübergehenden) Aufstieg zum größten Energieexporteur aufgrund der Förderung nichtkonventionellen Erdöls (“Schieferrevolution”) noch unterstrichen werde. Die ungebrochene Nachfrage nach fossilen Energieträgern – der Großteil der um knapp 40 Prozent steigenden Energienachfrage bis 2035 wird laut Prognosen der Internationalen Energieagentur weiterhin fossil befriedigt werden – gibt, dies machen die Ausführungen ebenso deutlich, den Verhandlungen über die weltweite Eindämmung des Klimawandels freilich keine guten Karten. Daran werden auch die abschließenden Beiträge zu Produktion und Konsum (“Stellschrauben für Nachhaltigkeit”) sowie alternative Wohlstandsindikatoren (“Wir können das BIP nicht essen”) wohl nichts zu ändern vermögen.

Hans Holzinger

Globale Trends 2015. Perspektiven für die Weltgesellschaft. Hrsg. v. Stiftung Entwicklung und Frieden u. a. Frankfurt/M.: Fischer 2015. 341 S., € 16,99 [D], 17,50 [A] ISBN 978-3-596-03287-7

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