Der Teufel und seine Engel

Während Karen Armstrong noch einen kraftvollen neuen Gottesglauben für möglich hält, hat es der Teufel schwerer. Auch er hat seine eigene Kulturgeschichte. Diese stellt Kurt Flasch in seinem Buch “Der Teufel und seine Engel” vor. Der Teufel sei in der Moderne unter die Räder gekommen.

In den ältesten Teilen der hebräischen Bibel kommt er noch nicht vor. Er taucht erst im Buch Hiob im 5. Jahrhundert vor Christus auf, und zwar als Mitarbeiter Gottes, der mit der Menschenprüfung beauftragt war. Erst im jüngsten Text des Alten Testaments (1. Jahrhundert vor Christus) sorgt er für Probleme, denn der Tod, so heißt es, ist durch den Neid des Teufels in die Welt gekommen. Im Neuen Testament wird der Teufel mächtig, Jesus tritt an, gegen ihn zu kämpfen. Durch den Tod am Kreuz besiegt er den Teufel, Augustinus verbietet die Darstellung des Teufels. Trotzdem bleibt er präsent. Spätestens im 13. Jahrhundert wird der Teufel reiner Geist, der Menschen befalle. Auch die Protestanten sehen ihn überall. “Pest, Hunger und Kriege, das alles kann von ihm kommen”, sagte Thomas von Aquino, “das alles kommt von ihm”, sagt Martin Luther. (S. 389) Die Dominikanische Inquisition des 15. Jahrhunderts will ihm den Garaus machen, der Teufelspakt wird mit dem Scheiterhaufen bestraft. Der Teufel wird dabei aber nicht besiegt, er bleibt präsent.

Für Flasch war der Teufel ein zeitgeprägtes soziales Phänomen. Der Teufel und seine Engel wurden politisch identifiziert – als Juden, als das heidnische Slavenvolk der Liutizen, als Katharer, als Türken vor Wien, als Kommunisten oder Nazis. Widrigkeiten der Natur schrieb man ihnen zu: Seuchen und Unwetter, Erdbeben und Gewitter. Sie ‘erklärten’ das tatsächlich erfahrene Negative in Natur und Geschichte (S. 49). Vielleicht fehlte auch der wirkliche Wunsch ihn zu besiegen.
Erst mit der Aufklärung begann der Teufel eine ernstzunehmende Gegnerschaft zu bekommen. Im Vordergrund stand der Zweifel an der korrekten juristischen Beweisbarkeit der Schuld, ob ein Teufelspakt vorliegt. In einer Gesellschaft, die begann immer strengere methodische Anforderungen beim Studium der Natur anzulegen, die die Medizin besser verstand, die eine diesseitige Ethik entwickelte, geriet der Teufel in die Defensive. Philosophisch wurde Gott in der Aufklärung enger gefasst, wie bei Spinoza gibt es neben Gott bzw. der Wahrheit keinen zweiten “Sondergott” oder “Teufel” mehr. Das neue bürgerliche Subjekt, der erfolgreiche, selbstbewusste Handelsmann duldete den Autoritarismus der Erzählung vom Teufel nicht mehr.

“Man vergegenwärtige sich den Blumenstrauß an Kompetenzen, über den der Böse im 13. Jahrhundert verfügte. Thomas von Aquino sah ihn vielfach wirksam: Er wohnt in Sündern, er hält junge Leute vom Klosterleben ab, er verhindert den Vollzug mancher Ehe, er quält Seelen Verstorbener im Höllenfeuer, er verursacht bei frommen Männern nächtlichen Samenerguss, er hat die größte Freude, wenn er verführt, besonders zu Wollust, luxuria, und Götzendienst, idololatria. Das alles hat er verloren. Unter der Sonne Satans ist es langweilig geworden. Der Teufel bewirkt höchstens noch bloß individualpsychologische Fehlgriffe, ´Bosheiten´ genannt.” (S. 400)

Verglichen mit einer säkularen Gesellschaft, die den Teufel abschafft, tut sich das Christentum schwerer. Denn wenn es das Böse nicht mehr gibt, gibt es dann noch das Gute? Ohne den Bösen den Guten? Die Kirche versucht ihn im Bewusstsein zu halten: “Satan ist auf der Welt aus Haß gegen Gott und gegen dessen in Jesus Christus grundgelegtes Reich tätig. Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft. Und doch wird dieses sein Tun durch die göttliche Vorsehung zugelassen, welche die Geschichte des Menschen und der Welt kraftvoll und milde zugleich lenkt. Daß Gott das Tun des Teufels zuläßt, ist ein großes Geheimnis, aber wir wissen, ‘daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt’ (Röm 8,28)”, heißt es noch im Katechismus der Katholischen Kirche von 1993. Dieser gilt als authentische Lehrmeinung der katholischen Kirche und soll insofern als verbindlich angesehen werden.

Flasch, Kurt: Der Teufel und seine Engel. Die neue Biographie. München: C. H. Beck, 2015. 463 S., € 26,95 [D], 27,70 [A]
ISBN 978-3-406-68412-8

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