Ist öffentlicher Raum ohne Fremdbestimmung möglich?

Robert Pfaller nähert sich einer Einschränkung der Freiheit, indem er rekonstruiert, wie die Erzählung der Überwindung der Fremdbestimmung über die Behauptung einer eigenen “Authentizität” zur Beschränkung der Freiheit im öffentlichen Raum führt.

Robert Pfaller ist einer der innovativsten Denker Österreichs. Wenn man ihn kennt, dann assoziiert man ihn mit dem Drang nach Freiheit von Vorschriften, mit dem Versuch, sich den Genuss nicht verbieten zu lassen. Nach seinem Buch “Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie” (2011) war Pfaller Gesprächspartner vieler Medien. In dem neuen Buch “Kurze Sätze über gutes Leben” werden die wichtigsten Interviews, die Pfaller gab, zusammengestellt. Ein “knappes aber scharfes Bild meiner Theorie”, so Pfaller, werde durch die Gespräche sichtbar.

Wie sieht dieses Bild aus? Pfaller vermutet, dass Menschen willfährig und politisch wehrlos werden, wenn ihnen die Fähigkeit zum Genuss verlorengeht: Wenn man sie mit Todesfurcht einschüchtern und sie gehässig gegen das kleine Glück Anderer machen kann, dann kann man wirksam die großen Reichtümer umverteilen, das Gemeineigentum privatisieren und den Staat entdemokratisieren. (S. 7)
Warum aber verlieren wir die Fähigkeit zum Genuss laut Pfaller? Einige Faktoren spielen zusammen. Erstens sieht er eine Entwicklung in den vergangenen gut 40 Jahren, die die Beendigung der Fremdbestimmung zum Ziel hatte. Diese Bewegung wurde in eine Ablehnung weitergetrieben, von der Umwelt überhaupt etwas mitzubekommen, wie Pfaller zuspitzt. Man wolle heute immer “authentisch” sein.
Früher sei man in den Städten vor die Tür getreten und habe eine Rolle gespielt, die private Person blieb im Hintergrund, man zeigte nicht immer seine Befindlichkeiten, ließ die schlechte Laune nicht an anderen aus. Nach 1968 habe man hinter die Rollen geschaut, die gespielt wurden. Auch zu Recht, denn hinter mancher Rolle steckten noch Nazi-Realitäten. Aber die Rolle wurde zugunsten der privaten Person liquidiert. Das bedeutet natürlich auch, dass jede öffentliche Interaktion direkt die private Person treffe. Die Empfindlichkeit nehme folglich zu. Menschen seien deswegen viel Ich-fixierter, sie nehmen alles persönlich. Pfaller plädiert daher für die Unterscheidung von Privatperson und öffentlicher Rolle, und dafür, dass jeder in beiden Aspekten existieren darf.

Dazu komme, dass auch der Neoliberalismus die bürgerlichen Räume zerstöre, genauso wie die Solidarität der Sozialversicherung. Pfaller erläutert dies anhand der BSE-Seuche. In Großbritannien habe man unter dem Einfluss neoliberalen Denkens Futterkontrollen bei der Viehzucht gelockert. Dies führe dann zum aussichtslosen Versuch der Individuen, sich selbst zu schützen, wo sie dies unmöglich können.
Der zwanghafte Trend zur Abwehr aller Fremdbestimmung, zur Authentizität, und der ökonomische Druck zur wirtschaftlichen Selbstverantwortung machen uns unleidlich. Selbstverantwortung beginnt paranoid zu werden. Der Anspruch an sich selber wird so weiter verschärft. Früher stand man abends vor dem Spiegel und fragte sich, ob man guter Christ oder Kommunist oder sonst was sei. Heute gebe es diese Ideale nicht mehr. Heute fragt man sich abends, paranoid, meint Pfaller, ob man genug getan habe, um sicher und gesund zu sein.
Deswegen mäßigen wir uns maßlos. Wir nehmen Genuss zurück, weil wir uns um unsere Leben sorgen. “Die Menschen haben offenbar mehr Bedürfnis, sich moralisch gut zu fühlen, als ihren Geschmack zu verfeinern oder sich zu amüsieren.” (S. 18) Die Vorsicht gegenüber dem Leben tötet aber das Leben selbst.
Mit Epikur meint Pfaller: Mit der Mäßigung muss man maßvoll umgehen, weil sie sonst selbst zum Exzess wird. Die Menschen sollten aber nicht so sehr nach der Freiheit von Einflüssen streben, sondern nach dem Glück. Freiheit hingegen solle eine politische Kategorie bleiben. Wir sollen nicht den Tod fürchten, sondern das schlechte Leben.

Bei Amazon kaufenPfaller, Robert: Kurze Sätze über gutes Leben. Frankfurt/M.: Fischer, 2015. 224 S., € 9,99 [A], 10,30 [A]; ISBN 978-3-59618917-5

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