Die Freiheit verteidigen

Was macht die Freiheit des Westens aus? Im Menschen lägen ein elementares Interesse an der Freiheit und ein starkes Verlangen nach ihr. Es sei in der Kunst, in der Wissenschaft, im Gemeinwesen, in der Wirtschaft gleichermaßen spürbar. Überall strebt der Mensch nach Freiheit. In der Moderne werde das Prinzip der Freiheit in einem neuen, insgesamt vermutlich vorher unbekannten Maß ernst genommen, und zu einer nie erreichten Blüte gebracht. (S. 373) Das argumentiert Ottfried Höffe in seinem neuen Buch “Kritik der Freiheit”. Höffe stellt vor allem aktuelle Debatten über die Freiheit dar. Er setzt sich mit Technik, Medizin, Erziehung, dem freien Markt und noch vielen anderen Bereichen auseinander. Er stellt die Kritik der Freiheit dar und reagiert darauf. Das geschieht im Schnelldurchgang. Thomas Pikettys Buch “Das Kapital im 21. Jahrhundert” verbucht er etwa als Kritik an der Freiheit in der Ökonomie, fertigt die Argumentation des französischen Ökonomen aber binnen weniger Zeilen als “nicht gründlich genug vorgenommen” (S. 157) ab.

Trotzdem sei keine rein positive Bilanz der Freiheit zu ziehen, denn in fast allen ihren Facetten drohe der Missbrauch der Freiheit. Das ist für den Autor nicht nur ein praktisches Problem. Missbrauch ist in der Freiheit angelegt: Eine missbrauchsfreie Freiheit sei nicht denkbar. Und außerdem sei der Missbrauch umso bedrohlicher, desto höher die Freiheit entwickelt ist. “Die Möglichkeiten, etwa die Technik, die Medizin und den freien Markt zu missbrauchen, sind offensichtlich, weshalb hier und andersorte Gegenkräfte und Kontrollinstitutionen vonnöten sind.” (S. 374)

Aber auch die Kontrollinstitutionen sind ebenfalls nicht vor Missbrauch geschützt, wie Höffe in Entwicklungen des Wohlfahrtsstaats und der inneren Sicherheit beobachtet.

Dieses dialektische Phänomen sieht Höffe auch im Kern des Freiheitsdenkens. “Der positive Gipfel der Freiheit, die Willensfreiheit, ermöglicht auch deren negativen Höhepunkt, etwas, das sowohl im privaten als auch gesellschaftlichen und politischen, nicht zuletzt im kosmopolitischen Leben droht: das Böse.” (S. 374) Damit müssen wir leben, sagt Höffe. Denn weder zum Prinzip Freiheit, noch zum Projekt der Moderne gebe es eine grundsätzliche Alternative. Was bleibt, sei der Auftrag zur kritischen Erneuerung.

Höffe, Ottfried: Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne. München: C.H. Beck, 2015. 398 S., € 29,95 [D], 30,80 [A]
ISBN 978-3-406-67503-4

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