Raubtier Mensch

John Gray zu lesen ist nichts für Jedermann. Nicht, dass er unverständlich schreiben würde. Nicht, dass die Argumente nicht ergiebig wären. Man sollte aber gute Nerven haben, wenn die Argumente Grays auf das Weltbild der Leserin oder des Lesers prasseln. Nur wenn Sie ein Weltbild haben, bei dem der Pessimismus bereits im Mittelpunkt steht, werden Sie sich bestätigt finden.

Teilt man zwar Grays Pessimismus nicht, hat aber starke Nerven, wird man mit Gedanken belohnt, die viele Anstöße geben. Gray wird nicht viele Menschen von seiner Weltsicht überzeugen. Die Argumente sind eher unstrukturiert vorgebracht, sie bauen wenig aufeinander auf; wer Fakten und Zahlen benötigt, um überzeugt zu werden, wird sie bei Gray nicht finden. Aber trotzdem: das Buch bleibt im Gedächtnis.

Was ist also Grays Pessimismus? Zuerst skizziert er, wie Fortschrittsglauben immer wieder in die Tyrannei und die Unvernunft führte. Keine der großen Traditionen der Moderne wird bei der Kritik ausgenommen. Fortschritt sei eine Illusion. Gray bestreitet auch die menschliche Einzigartigkeit. Diese Idee sei „ein Mythos, der aus der Religion stammt und den die Humanisten in Wissenschaft umgewandelt haben“ (S. 77).

Dann rückt der Autor den Begriff des Mythos in den Mittelpunkt: „Dass die Humanisten dem Mythos feindselig gegenüberstehen, ist bezeichnend, denn wenn es irgendetwas gibt, das dem Menschen eigen ist, dann ist es die Mythenbildung. Jede menschliche Kultur wird in gewisser Weise von einem Mythos belebt, und kein anderes Lebewesen hat etwas Vergleichbares hervorgebracht.“ (S. 77) Menschen stehen nicht vor der Wahl zwischen Mythos und Vernunft, sondern nur zwischen Mythen. (S. 79)

Gray beschreibt dann mythische Erfahrungen in der Literatur, versucht damit deutlicher zu machen, was er meint. Da wäre zum Beispiel das Leben des britischen Schriftstellers Llewelyn Powys, der Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurde. Im Alter von 25 Jahren erfuhr dieser, dass er Lungentuberkulose hat. Die Auseinandersetzung mit der Krankheit, der eigenen Sterblichkeit und Erfahrungen während seiner Behandlung führten ihn zuerst zu einer Abkehr von der Religion. Aber sie führten auch zur Abkehr vom Vertrauen in eine sittliche Ordnung. Gray lässt Powys zu Wort kommen: „Als dogmatische Nihilisten, grundlegend skeptisch gegenüber allem Guten, sind wir wie schiffbrüchige Seeleute uns selbst überlassen. Wir haben kein Gefühl für die Richtung und räumen bereitwillig ein, dass jenseits der Grenze unseres kurzen Augenblicks alles verloren ist.“ (S. 169) Powys widmete sich in der Folge sein Leben lang einem Teich. Er saß dort und hörte. Er war sich sicher, er werde hier etwas Besonderes erleben. Eines Tages kam ein Hase zu dem Teich. Powy konnte hören, wie es klang, als der Hase aus dem Teich trank. Er wusste, darauf hatte er sein Leben lang gewartet.

Für Gray ist das weit klüger, als an die Vernunft zu glauben. Ohne Gott, ohne Vernunft, ohne Fortschritt, weniger Raubtier Mensch: „Gottlose Kontemplation ist (…) ein vorübergehendes Heraustreten aus einer allzu menschlichen Welt, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.“ (S. 194)

Gray, John: Raubtier Mensch. Die Illusion des Fortschritts. Stuttgart: Klett-Cotta, 2015. 205 S. 422 S., € 19,95 [D], 19,95 [A] ISBN 978-3-608-94884-4

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