Eine neuer Realismus

Jetzt hat der renommierte Suhrkamp-Verlag die junge philosophische Strömung des „Neuen Realismus“ aufgegriffen und bietet mit einem Band, herausgegeben von Markus Gabriel, einen Einblick in die sich formierende Denkrichtung. Auf mehr als 400 Seiten sind wichtige Texte von 17 Autorinnen und Autoren versammelt.

Der „Alte Realismus“ habe danach gefragt, wie man sicherstellen kann, dass es außerhalb des Denkens, des Geistes, der Sprache oder unserer sozial konstruierten diskursiven Praktiken überhaupt noch etwas gibt, worauf diese sich erfolgreich richten können. Er versuchte zu belegen, dass es diese unabhängige „Realität“ gibt.

Wofür aber steht der „Neue Realismus“? Den Beiträgen in dem Band sei eine Ansicht gemein, schreibt der Herausgeber: „Unser Erkenntnisvermögen und die mit diesem verbundene Begriffe und Fähigkeiten müssen ebenso real oder wirklich sein wie diejenigen Gegenstände und Tatsachen, die man gemeinhin der ‘Wirklichkeit’, der ‘Welt’, der ‘Natur’ oder der ‘Realität’ zuordnet.“ (S.8) Unsere diskursiven Praktiken weisen auf diese Realität. Stellen wir uns vor, wir bestreiten, dass ein bestimmtes Erkenntnisvermögen imstande ist, seine eigenen Erfolgs- oder Rahmenbedingungen einzulösen. Dann müssen wir das begründen. Dieses Begründen bedeutet aber, dass man sich darauf verlassen müsse, dass es ein Erkenntnisvermögen geben muss, das uns Aufschluss gibt (S. 9). „Ein skeptischer globaler Zweifel an der Vernunft ist prinzipiell zum Scheitern verurteilt, weil er nur dann eine philosophische Position darstellen kann, wenn er sich seinerseits auf eine Wirklichkeit verlässt, die dem Skeptizismus gleichsam im Rücken liegt“ (S. 9) Damit hat der „Neue Realismus“ nicht bewiesen, dass es diese Ausgabe von  „proZukunft“ gibt, die vor Ihnen liegt oder den PC, auf dem sie den Artikel lesen. Er beweist nicht die Natur, er beweist aber, dass es etwas Reales geben müsse. Und man findet es in unserem Erkenntnisvermögen. Bei Maurizio Ferrari, einem der Vordenker der Bewegung, sind dies „vorbegriffliche Strukturen, … die man nur verzerrend für begriffliche Konstruktionen oder für transzendental konstituiert halten könne“ (S. 11).

Ferrari bringt ein starkes Argument vor, bei dem es um „soziale Gegenstände“ geht und führt es gegen das Denken, dass nur das Ich existiert (Solipsismus) ins Feld. Unter einem „sozialen Gegenstand“ versteht er eine eingeschriebene Handlung (Gegenstand), die Ergebnis einer Handlung von mehr als einer Person ist. Beispiele sind „Schulden“, aber auch „Firma“ usw. Es gebe „eine enorme Kategorie der sozialen Gegenstände. Eher als eine Welt darzustellen, die dem Subjekt zur totalen Verfügung steht, offenbart sich in der Sphäre der sozialen Gegenstände die Inkonsistenz des Solipsismus: Dass es auf der Welt außer uns auch nach andere gibt, ist eben durch die Existenz dieser Gegenstände bewiesen, die keinen Grund hätten, in einer Welt zu sein, in der es nur ein einzelnes Subjekt gäbe“ (S. 75).

 

 Der Neue Realismus. Hrsg. v. Markus Gabriel Berlin: Suhrkamp, 2015. 2. Aufl. (stw wissenschaft; 2099) 422 S., € 18,- [D], 18,50 [A] ISBN 978-3-518-29699-8

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